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Miklós Klajn, Essay, Artikel, Wie kommt DER dahin?, oder Wenn Glück im Spiel ist, Opernsänger, Gesangstechnik, Bühnengesang, bel canto

 

Die deutsche Stimmfachverteilung (Teil 2)

Welche Stimme habe ich eigentlich?
Das Prinzip Kirsche!


Reaktionen, Inspirationen und alte Probleme!

Das sind die Gründe aus denen ich noch einen Artikel über das leidige Thema - Das Stimmfach - schreibe.

Seit 2004, der Zeit, in der mein erster Artikel über der deutschen Stimmfachverteilung entstanden ist, habe ich viele Reaktionen darauf erhalten. Viele lamentieren, manche schimpfen, andere resignieren. Dabei sind sich die Sänger einig: Die sogenannte deutsche Stimmfachverteilung nützt allen - nur den Sängern nicht! Probleme bereitet sie einigen schon in der Ausbildung (!), anderen erst im Engagement. Die einzigen Sänger, die damit keine Probleme zu haben scheinen sind die der "Gesangsprominenz". Dafür gibt es meines Erachtens einen einzigen Grund: Die Verteilung betrifft sie nicht - denn bei ihnen werden ihre Regeln nicht angewendet! Man muss aber erst einmal prominent werden...

Worin liegt eigentlich das Problem?

Wie bei allen individuell gefärbten Problemen ist die Erklärung und damit auch die Lösung nicht einfach. Ich glaube dass der "Fall Stimmfachverteilung" aus zwei, mit einander verknüpften Komponenten besteht.

1. Auf einer Seite ist das die natürliche Gabe des Sängers - seine Stimme und
2. Auf der anderen Seite das theoretische Schubladensystem in das man die Sänger hineinzupressen versucht.

Was ist dabei wichtiger?
Was kann man ändern?
Was muss man ändern?

Alles fängt damit an, dass viele junge Sänger-Anfänger es schon in der Ausbildung mit der Stimmfachverteilung zu tun haben. Nicht selten passiert es, dass die Lehrer sich fast verpflichtet fühlen, dem Schüler bereits in den ersten Stunden ein Stimmfach aufzudrücken. Warum? Die richtige Reihenfolge wäre doch eigentlich:

1. Stimme entdecken
2. Stimme kennen lernen
3. Stimme schulen und ausbilden
4. Stimme (ihre Lage, ihre Art) erkennen und benennen - sprich: spezifizieren, einem Fach zuordnen

Bei einigen Stimmen kann sich die eindeutige Erkennung in der Tat früher ergeben, bei anderen dagegen erst später. Die Faustregel lautet: Je extremer eine Stimme ist, desto einfacher ist es, sie zu erkennen und benennen. So ist es z. B. bei einem hohen Sopran oder Tenor, oder tieferen Bass möglich, schon ziemlich früh die Stimmlage zu erkennen. Je "mittiger" die Stimme, desto schwieriger und heikler wird ihre Zuordnung. Man kann es mit der Haarfarbe vergleichen. Niemandem macht es Schwierigkeiten eine Haarfarbe zu benennen, wenn jemand "schwedisch blond" oder rothaarig ist oder pechschwarzes Haar hat. Interessant wird es dazwischen. Wie hell muss z.B. ein Dunkelblond noch sein, um nicht als braun zu gelten? So entstehen auch die meisten Probleme bei der Erkennung und Unterscheidung der "Zwischenfächer" z.B. dem tiefen Sopran und hohen Mezzosopran, dem tiefer Mezzosopran und höheren Alt usw. Ein ganz spezieller Fall ist der tiefere (Helden-) Tenor - hohe Bariton. Wie lassen sich diese unterscheiden? Eines ist sicher: So wie man sie heute zu unterscheiden pflegt sicherlich nicht!

Die heutige Spezifizierung der Stimmen scheint mir allein nach dem Prinzip

klein, rund, rot = Kirsche

zu erfolgen.

Wer seine eigene Umwelt so betrachtete, erlebt so manche Überraschungen. Natürlich gelänge es, mit diesem Raster viele Kirschen erkennen (insbesondere in ihrer Reifesaison). Aber wie zuverlässig kann das funktionieren? Es gibt Cherry-Tomaten, die ebenfalls klein, rund und rot sind. Es gibt auch Paprika-Sorten die gleichen Eigenschaften aufweisen, außerdem sind einige Spielbälle oder Glasmurmeln nicht zu vergessen...

Mit der Stimmspezifikation und Unterteilung ist es heute leider nicht anders. So kommt z.B. die junge, kleinere (zierliche) Schülerin zum Gesanglehrer, nimmt bei ihm zwei bis drei Stunden und der Lehrer verkündet triumphierend - Mezzosopran! Wie kam er denn so schnell dahin? Ganz einfach: Die Schülerin singt nicht ganz in der vorderen Position, was die Stimme etwas matter - dunkler - macht. Sie singt unten mühelos bis zum kleinen "g", das jeder noch so hoher Sopran hat - und oben hat sie so unausgebildet natürlich Probleme mit dem " g'' " . Also - klein, rund, rot = Kirsche!

Dies allein macht das Problem noch nicht aus. Man kann so vieles (und falsches) sagen, so lange man das richtige tut. Probleme entstehen dann, wenn den falschen Worten die falschen Taten folgen. Anstatt der Schülerin nach dieser "Diagnose" zu einer gesunden Tonemission zu verhelfen und so die Stimme kennen zu lernen, "leitet" der Lehrer sie in die Richtung des vermeintlichen Mezzosoprans. Sie wird einem vorgefertigtem Mezzo-Bild angepasst: Die Stimme wird nicht nur nicht "NACH VORNE geholt", sondern ganz im Gegenteil - noch etwas weiter abgedunkelt. Dazu wird "intensiv an der Tiefe gearbeitet". Solche Sängerinnen haben dann im Laufe ihrer Sängerlaufbahn das permanente Gefühl des "Ungleichgewichtes", das Etwas-stimmt-nicht-Gefühl. Den notwendigen Sprung zur Veränderung wagt und schafft aber kaum eine.

Um den richtigen Weg der Stimme zu erkennen müssten alle nur die alten Gesangschulen anschauen und lesen. Bei der Stimmbildung (schon das Wort spricht meiner Meinung nach Bände, denn STIMMSCHULUNG wäre sicherlich treffender) eines Anfängers sollte man von der bequemsten Lage seiner Stimme ausgehen - der Lage der Sprechstimme. Bei den Frauenstimmen liegt diese z.B. zwischen dem kleine g und d' - bei Verona Pooth geb. Feldbusch vermutlich etwa eine Oktave höher! Der Gesanglehrer muss dabei ein gutes "Sängerohr" haben, um den entspanntesten Ton der jungen Sängerin herauszuhören, wenn notwendig, zu einem solchen zu verhelfen. Er sollte sich nicht allein auf die Lehrbücher verlassen, die für einen Sopran die Übungen grundsätzlich von c' ansetzen. Viele ungeübte Soprane schaffen es nur auf einem kleinen a, as oder sogar g einen völlig freien Ton zu singen. Das ändert sich dann mit der Zeit. Von diesem Ton ausgegangen wird die Stimme vorerst bis in die hohe Mittellage aufgebaut. Bei einer natürlichen und freien Stimmemission im bequemen "mf" wird sich von alleine der erste Übergang zeigen - jener zwischen der tiefen Lage und der Mittellage. Dieser Übergang wird das erste Zeichen für die Stimmlage der Gesamtstimme sein. Bei weiterer geduldigen Arbeit zeigt sich einige Wochen bis Monate später der nächste Übergang, welcher der Stimme den Weg in die hohe Lage ebnet. Zwischen diesen beiden Übergängen (Passaggi) befindet sich die Mitte der Stimme. Sie erst zeigt uns dann eindeutig, um welche Stimme es sich eigentlich handelt. Auch erst in diesem Stadium zeigt sich bei den Stimmen des sogenannten Zwischenfachs in welche Richtung sie tendieren. Genau so geht ein Gesanglehrer am Besten auch bei den Männerstimmen vor. Es sei denn...

Ich lese und höre immer wieder von Baritonen die zum Tenor gewechselt haben. Mittlerweile wird ein solcher "Fachwechsel" wie eine Heldentat angesehen. Kommt die deutsche Bezeichnung Heldentenor etwa daher? Wie dem auch sei. Die Erfolgsgeschichte eines Baritons, der ins Tenorfach gewechselt hat, läuft mehr oder weniger folgender Maßen ab: Als Gesangschüler wird der Besagte als Bariton ausgebildet. Natürlich hat er eine excelente Höhe und seine Tiefe "reicht auch". Den Anfang seiner Karriere verbringt er als Bariton. Irgendwann nach seinem 30. bis 35. Lebensjahr, einer Zeit, in der sich seine Technik "verbessert", fühlt er sich zu "Höherem" berufen und wagt den Sprung in das Fach des Heldentenors. Aus einem Bariton wird ein (Helden-)Tenor, heißt es dann. Man muss schon ziemlich behämmert sein, um an so etwas Unsinniges zu glauben. Um mich verständlicher zu machen, folgt an dieser Stelle einen Exkurs zum Thema "menschliche Stimme".

Der erste und gleichzeitig die wichtigste Tatbestand ist meiner Meinung nach der Umstand, dass jedem Menschen seine Stimme, ebenso wie Körpergröße, Fußgröße oder Haarfarbe, genetisch vorbestimmt ist. Der Mensch bekommt seine "richtige" Haarfarbe erst in der Kindheit und für Körpergröße oder Fußgröße benötigt der Körper einige Zeit, um auf die "vorbestimmte Größe" zu kommen. Der Mensch erreicht sie oftmals zwischen dem 17. und 20. Lebensjahr. Das nachgewiesene Wachstum bis zum 40. Lebensjahr ist nur noch minimal und mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar. Und so benötigen auch die Stimmbänder ihre Zeit zur Entwicklung. Der Mensch bekommt in der Pubertät seine "erwachsene Stimme", doch laut Wissenschaft erreicht sie erst NACH dem 30. Lebensjahr die volle Reife. Und eine Stimme wird erst mit Ihrer vollen Reife voll belastbar. Bei Frauen ist dieses Alter um Anfang 30 bei Männer um Mitte 30 erreicht.

Na, dämmert es? Ab dem genannten Lebensalter ist die Stimme ausreichend reif und belastbar genug, um ihren vollen Umfang unabhängig von der Technik zu erreichen. Zu deutsch: Ab einen bestimmten Alter bekommt Mann die Tiefe und die Höhe, ganz unabhängig wie furchtbar oder ungeeignet die praktizierte Technik auch sein mag, so auch die des Heldentenors. Das ist, nebenbei gesagt, die eigentliche Misere der heutigen Gesangskunst. Würden die Sänger nur mit der guten Technik den vollen Umfang bekommen, wären sie gezwungen sich eine anzueignen... Um aber beim Prinzip Kirsche zu bleiben:

Eine Kirsche ist eine Kirsche, auch wenn sie noch unreif und grün ist!

Zu einem Lehrer kommt also ein junger Mann. In den ersten Stunden stellt der Lehrer fest, dass die junge Stimme nicht ganz Bariton, jedoch etwas dunkler als die eines "normalen" Tenors ist. Man hat bei der Bezeichnung "Tenor" immer einen hellen Stimmklang, wie z.B den von Luciano Pavarotti im Ohr. Dieser junge Sänger hat schon mit e', f', spätestens aber bei fis' seine Probleme. Für den Lehrer ist das ein klarer Fall - Bariton. Der weitere Weg ist, wie schon beim vermeintlichen Mezzosopran von Anfang an vorgezeichnet. Der Schüler wird in Richtung Bariton geleitet und schon wieder stellt sich die Frage: Warum?

Ein anderer Weg wäre viel einfacher, "glatter" und für den Schüler viel gesünder. Warum dann anders? Ich meine, dass uns das Prinzip Kirsche "klein, rund, rot = Kirsche" die Antwort gibt. Die zeitgenössischen Gesanglehrer, aber auch die "handelsüblichen Gesangsbanause" - Theaterintendanten, Operndirektoren, Betriebsdirektoren, Mitarbeiter der Künstlerischen Betriebsbüros und sogar viele Dirigenten - denken leider in Stimmfächern. Sie sehen nicht die Person, die vor ihnen steht und hören nicht ihre Stimme, sondern wollen einen Stimmtyp sehen (!) und hören. Ist der oder die vor ihnen Stehende mit der Typschublade nicht identische blinkt das "System Error" - Lämpchen. Dabei war die Natur zuerst da!

Das System hat man erschaffen, um die Natur besser katalogisieren, sozusagen Bestandsaufnahme betreiben zu können. Bis vor hundert Jahren war dies auch so. Heute bleibt nur noch ein System von Stimmfächern, und die sind mehr als mangelhaft. Von denen gibt es zu viele und gleichzeitig zu wenige. Zu viele, um alle Nichtsänger damit zu verwirren und viel zu wenig um alle existierende Stimmtypen zu erfassen.

Die Aufteilung

Das System der Stimmfächer unterscheidet nach Höhe und Charakter der Stimmen. Dies ist interessanterweise im deutschsprachigen Raum besonders ausgeprägt. Also:

1) Der Höhe nach wird in Sopran, Mezzosopran und Alt für Frauenstimmen und Tenor, Bariton (Bassbariton) und Bass für Männerstimmen unterteilt.
2) Dem Charakter nach spricht man von "lyrischen" und "dramatischen" Stimmen.

Die beiden Merkmale werden dann beliebig kombiniert - z.B. lyrischer Sopran, dramatischer Sopran, lyrischer Mezzosopran, dramatischer Mezzosopran. So weit so gut.

Zur Extrawurst

In dem berühmt berüchtigten "Handbuch der Oper" der Herren Kloiber, Konold und Maschka tauchen aber noch viele andere "Stimmtypen" und "-Arten", z.B. die Soubrette, Koloraturstimmen, jugendlich-dramatische Stimmen, Charakterstimmen, Spiel-/Buffo-Stimmen, Heldenstimmen, Schwere Stimmen, Seriöse Stimmen. Was für welche Stimmen/Stimmtypen sind das? Die Antwort ist klar - das sind weder Stimmtypen noch Stimmarten oder -gattungen. Das ist nur ein plumper und ziemlich misslungener Versuch das Unsystematisierbare bis ins Detail zu systematisieren!

Weil die "Sonderstimmtypen" am schnellsten zu erklären sind, fange ich damit an:

  • Soubrette ist kein Stimmtyp, sondern ein Rollentyp, nämlich jener der Zofen und Dienerinnen - in der Oper denkt man heute dabei an einen leichteren Sopran.
  • Koloraturen dagegen erfordern eine stimmtechnische Fähigkeit schnellere Tonfolgen auf einem Vokal zu singen. Mit einem Stimmtyp hat das rein gar nichts zu tun. Koloraturen kann JEDER Sänger (gut) singen, wenn er es gelernt hat. Theoretisch, also ist jede gut ausgebildete Stimme eine Koloraturstimme.
  • Eine Stimme als jugendlich-dramatisch zu betiteln ist ein Versuch, eine Zwischenstufe zwischen lyrisch und dramatisch zu finden. Das italienische Pendant zu "jugendlich-dramatisch" wäre "spinto" - eine meines Erachtens fragwürdige Bezeichnung, denn sie bedeutet in Übersetzung "drücken, schieben, treiben, stoßen". Viele Sängerinnen und Sänger dieses Fachs geben sich leider nur all zuviel Mühe, dem Publikum das Wort "spinto" anschaulich darzustellen.
  • Die Bezeichnung Charakterstimme bleibt mir selbst auch ein Rätsel. Bedeutet es etwa, dass andere Stimmen keinen Charakter haben, also charakterlos sind? Diese Bezeichnung "verdienen" sich meist jene Sänger, die, aus welchem Grund auch immer, eine eher als unschön empfundene Stimmfarbe haben und/oder unfähig sind Cantilenen zu singen.
  • Die Bezeichnung Spiel-/Buffo ist, wie auch die der Soubrette, ebenfalls auf die Rollen im Stück bezogen und somit eine Frage der schauspielerischen Geschicklichkeit des Sängers. Wenn die Stimme an sich und immer "komisch" klingt, ist das meistens ein Stimmemissionsproblem. In der Regel landen in dieser Gruppe all die Sänger, die technisch im lyrischen und dramatischen Fach nicht bestehen können.
  • Heldenstimme (als Heldentenor oder Heldenbariton anzutreffen) ist lediglich eine andere Bezeichnung für eine dramatische Stimme.
  • Am interessantesten finde ich persönlich die Bezeichnung schwerer (Spiel-) Bass oder seriöser Bass. Worauf sich das Adjektiv schwer bezieht habe ich bis jetzt noch nicht begriffen. Und das Wort seriös vor dem Bass ist, ebenso wie Soubrette und Buffo, auf die Rolle des Sängers bezogen. Dazu hätte ich noch eine Frage: Sind demnach alle anderen Stimmen unseriös?
  • Wie Sie sehen, sehen Sie nichts, denn vieles von dem Vorgenannten ist doch recht nichtssagend. Erstaunlich ist, wie viel man in einem Künstlerischen Betriebsbüro eines Theaters in all das hineininterpretieren kann.

    Lyrisch oder dramatisch?

    Die Bezeichnungen "lyrisch" und "dramatisch" bzw. das, was sie repräsentieren, sind dagegen in der Natur der Stimmen verankert. Ich empfinde sie als poetischere, schönere Bezeichnungen für "feiner" und "grober". So könnte man nämlich die lyrischen und dramatischen Stimmtypen - noch besser gesagt: Stimmkonsistenzen, Stimmsubstanzen - auch am besten beschreiben.

    Lyrischen Stimmen klingen, dabei denke ich an gesunde und gut sitzende Stimmen, "feinkörniger", glatter, schlanker und leichter als die dramatischen Stimmen. Darum kann meines Erachtens aus einer lyrischen Stimme NIE eine dramatische Stimme werden und umgekehrt. Die jeweiligen Stimmkonsistenzen, Stimmstrukturen sind zu unterschiedlich. Beide Stimmtypen können aber wohl mit lyrischem und dramatischem Ton / Klang innerhalb ihren Grenzen und Möglichkeiten singen. Das heißt, dass eine lyrische Stimme durchaus den dramatischen Ton erzeugen kann, ebenso wie eine dramatische Stimme mit einem lyrischen Ton singen kann. Natürlich kann eine lyrische Stimme nie SO dramatisch klingen, wie eine dramatische und umgekehrt. Diese Fähigkeit, die übrigens zu der gesangstechnischen Basis des Bel Canto gehört, ermöglicht(e) den Sängerinnen und Sängern ein breites Repertoire stimmlich gesund abzudecken. Darüber sollten wir nachdenken!

    An dieser Stelle, stelle ich jedem Sänger zwei Fragen:

    1. Was für eine Stimme haben Sie?
    2. Was für ein Fach singen Sie?

    Heute ist die Antwort auf diese Fragen bei den meisten Sängern identisch. Ist das für sie einleuchtend? Lesen Sie weiter. Ein paar Zeilen weiter vielleicht nicht mehr...

    In meinem ersten Artikel zu diesem Thema habe ich bereits erwähnt, dass die Sängerinnen und Sänger der Vergangenheit ihr Repertoire mit immer neuen Rollen erweitert habe, alte Rollen aber weiter gesungen, nicht aufgegeben haben. Zu den lyrischen Rollen, die sie als jüngere Sänger sangen, kamen die dramatischeren hinzu. Heute ist es anders. Heute wechselt der Sänger mit seiner "Entwicklung" vollständig seinen Wirkungskreis. Dabei ist die Richtung leider immer ein und die gleiche: Aus einem lyrischen wird ein dramatischer Sänger. Die Sänger stellen es selbst zumindest so dar. Aus einem Tamino wird mit der Zeit - in manchmal nur 5 Jahren - z. B. ein Manrico. Die heutige deutsche (Theater-) Stimmfachverteilung erlaubt es nicht, dass ein Manrico (dramatischer Tenor) einen Tamino (lyrischer Tenor) singt und umgekehrt erst recht nicht. Wie schön, dass z.B. Helge Rossvaenge in einer anderen Zeit gelebt und gesungen hat. Damals durfte er gleichzeitig die Tenor-Rollen der dramatischen Verdi-Opern "rauf und runter" singen und gleichzeitig als Tamino und Belmonte auf der Bühne stehen. Nicht einmal Toscanini hatte es gestört. Hätte man Helge Rossvaenge gefragt, welche Stimme er hat, hätte er mit Sicherheit einfach "Tenor" gesagt. Und was hätte er auf die zweite Frage geantwortet?

    Nun, diese stimmliche Einengung hat, außer eines stark reduzierten aktiven Repertoires eine ganz andere, viel gravierendere Folge. Sie greift nämlich direkt in die Stimme, in das Kapital einer Sängerin / eines Sängers ein und zwar auf zwei unterschiedliche Arten. Einmal erzwingt sie den Charakter einer Stimme festzulegen und damit permanent einseitig zu belasten, und dann greift die Stimmverteilung, wenn auch nicht direkt, jedoch stark in die eigentliche Natur der Stimme - ihre Färbung.

    Wie können Sie sich das vorstellen? Haben Sie sich schon mal beim Hören eines helleren Mezzosoprans bei dem Gedanken erwischt, dass das kein Mezzosopran sein kann, denn es kling zu hell? Ich glaube, jeder hat so etwas ähnliches mindestens schon einmal gedacht. Genau da fängt das Schubladensystem an - es sieht nicht so aus wie eine Kirsche, also kann es auch keine Kirsche sein.

    Wussten Sie schon, dass es auch gelben Kirschen gibt?

    Mal im Ernst: Unsere Vorstellung von Stimmen, ihren Farben in diversen Stimmfächern und ihren Fähigkeiten, oder mindestens das, was wir als dazugehörig halten, hat sich in letzten 100 Jahren allmählich von der Natur entfernen und VERSELBSTSTÄNDIGT. Immer weniger Sänger, Gesangspädagogen und Entscheidungsträger im Sänger-Bereich nehmen die Stimme, die sie vor sich haben, als eine einzigartige Schöpfung der Natur wahr, sondern vielmehr als eine Art Rohmasse, die man erst in die vorgefertigte Form hinein pressen muss, um aus ihr ein wertvolles Produkt zu machen. Um deutlicher zu sein: "Wenn es eine Kirsche sein soll, soll sie bitte klein, rund und rot sein!" Glauben Sie mir: Die Bilder, die wir heutzutage von diversen Stimmtypen und -fächern haben, sind weder besonders NATÜRLICH, noch besonders SCHÖN oder GUT.

    Wie verquer das alles geworden ist, wurde mir vor einigen Monaten erst richtig klar. Ich surfte mal wieder bei Youtube und entdeckte die Videoaufnahmen eines von mir sehr geschätzten und 2006 leider zu früh verstorbenen ungarischen Bassisten namens József Gregor. Seine Stimme, die ich leider nie life gehört habe, ist mir aber von vielen Aufnahmen sehr vertraut. Dabei handelt es sich um eine (endlich einmal) gut positionierte und dadurch relativ hell klingende Bassstimme. Seine Stimme hatte einen Umfang von über zweieinhalb alltagstauglichen Oktaven, und sein Repertoire streckte sich von Osmin und Sarastro über Gremin und Godunow bis hin zu Mozarts Konzertarien und selbst zu Musicals. Herr Gregors Schwerpunkt bildete jedoch das sogenannte Buffo-Repertoire. Nun, zu meiner Freude fand ich bei Youtube unter anderem Aufnahmen der beiden Sarastro-Arien mit Herrn Gregor. Es hat mich sehr gefreut, diese schöne Musik abwechslungsweise einmal so unartifiziell zu hören. Die Kommentare, die zu diesem Video bei Youtube zu finden sind, gaben mir jedoch zu denken: Es gab Nutzer, die seine Stimme als "leichten Bariton" bezeichnet haben. In der Tat, wenn man die stark abgedunkelte Stimmen eines Boris Christoff oder schlecht sitzende Stimme eines Nikolai Ghiaurov als Vorbild für einen Bassisten im Ohr hat, klingt Herr Gregor sehr hell und damit sehr ungewohnt. Doch ich muss Sie enttäuschen - es liegt nicht an Herrn Gregor. Die Stimmen der Herren Christoff und Ghiaurov z.B. sind weder Prototypen des guten Geschmacks noch können sie als gute Vorbilder für Bassisten dienen.

    Mit Vorbildern für andere Stimmtypen ist es heute auch nicht besser bestellt. Im Allgemeinen stellt man sich gegenwärtig alle Stimmen viel dunkler vor, als es von Natur aus vorgesehen ist. Auch hier gibt es für das, was heute gilt, eine Faustregel:

    Je tiefer eine Stimme, desto mehr wird sie verhältnismäßig abgedunkelt.

    Damit beginnen leider schon viele in der höchsten Höhen. Sogar die leichtesten Soprane und Tenöre sind nicht von leichtem Abdunkeln verschont. Dieses Vorgehensweise erreicht natürlich bei den Bassisten ihren traurigen Höhepunkt, wenn die von Natur aus ohnehin schon tiefsten und dunkelsten Stimmen noch zusätzlich abgedunkelt werden. Dabei werden nicht nur die einzelnen Stimmen verfärbt, sondern gleichzeitig die Verhältnisse unter den Stimmtypen verschoben. Stellen Sie es sich vor, als hätte Sie ein Maßband, an dem jeder Zentimetereinheit irrtümlich statt 1 cm 1,01 cm misst. Bei den ersten 5 cm macht dass nicht sehr viel aus, aber auf ein Meter... da summieren sich die Fehler. Etwa so: Der hohe (leichte) Sopran dunkelt ein wenig ab, aus Angst zu grell zu wirken, der etwas tiefere lyrische Sopran dunkelt noch ein wenig mehr ab, um nicht für einen hohen (leichten) Sopran gehalten zu werden. Der dramatische Sopran dunkelt recht stark ab - "dramatisch" halt! Der Mezzosopran wiederum dunkelt noch etwas mehr ab, um nicht für einen (dramatischen) Sopran gehalten zu werden, und so weiter, und so weiter. Bei den heutigen Mezzi ist diese künstliche Färbung schon wesentlich dunkler, als bei einer natürlich belassenen Altstimme. In diesem Teufelsrondo heißt es: "Satan selbst führt an den Ball"!

    Artenvielfalt

    Der Sopran ist wahrscheinlich der vielseitigste Stimmtyp überhaupt. Der Sopran reicht vom hohen "Zwitschersopran" (Erna Berger, Erika Köth) bis hin an die oberen Grenzen der Alt-Stimme (Giulietta Simionato, Ebe Stignani). Die Natur hat diesen Stimmtyp mit allen Nuancen ausgestattet. Die höheren Arten diesen Typs nennt man heute ganz einfach Sopran, die tieferen Mezzosopran. Wenn Sie Glück haben, zufällig einen nicht abgedunkelten Mezzosopran zu hören, und dabei genau hinhören, können Sie bemerken, dass solch eine Stimme das gleiche Substanzzentrum hat wie ein Sopran. Die Mitte eines Mezzosoprans liegt eine (kleine) Terz tiefer als die des leichteren Soprans, also genau zwischen der des Soprans und des Alts. Der Mezzosopran ist das letzte Glied in der langen Reihe der Soprane. In der Höhe ist der Unterschied z.B. zwischen einem lyrischen Sopran und einem (nicht abgedunkeltem) lyrischen Mezzosopran kaum wahrnehmbar, ebenso wie zwischen einem dramatischen Sopran und einem dramatischen Mezzosopran. Erst in den tieferen Regionen ist der Unterschied zu bemerken. Darum lief die heutige Mezzosopranstimme bis vor 150 Jahren unter der Bezeichnung Sopran. Jede Sopranistin sang die Literatur, die sie singen wollte und konnte. Niemand fragte danach, ob sie höherer oder tieferer Sopran oder Mezzosopran waren.

    EXKURS

    Nun möchte ich, bevor ich fortfahre, einen kleinen Exkurs über den Stimmcharakter einschieben. Wie ich schon zuvor geschrieben habe, lassen sich Stimmen durchaus sinnvoll nach ihrem Charakter in lyrische und dramatische Stimmen unterscheiden. Wie Sie sicherlich in Erinnerung haben, stelle ich nur ein paar Zeilen zuvor einen Vergleich zwischen einem lyrischen Sopran mit einem lyrischen Mezzosopran an. Ich meine, dass der Vergleich einer lyrischen mit einer dramatischen Stimme dem Vergleich von Äpfeln und Birnen gleichen. Meines Erachtens gehören alle lyrischen Stimmen in eine Familie und alle dramatischen Stimmen in eine andere. Es ist vergleichbar mit der Zugehörigkeit zu einer Familie von Musikinstrumenten. Zu der Familie der Streichinstrumente gehören Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass. So unterschiedlich sie auch alle sein mögen, so haben sie alle die gleiche Klangsubstanz, den gleichen "Stimmtyp". Die Harfe ist auch ein Seiteninstrument, aber sie ist eher mit einer Gitarre als einem Streichinstrument verwandt.

    Aus diesen "Familienzugehörigkeitsgründen" lassen sich die lyrischen und dramatischen Stimmen nicht mischen, die Charaktere lassen sich nicht einfach wechseln. Aus einer lyrischen Stimme wird keine dramatische. Es wird z. B. aus einem lyrischen Mezzosopran NIE dramatischer Sopran, wie uns das unter vielen anderen auch Frau Christa Ludwig so eindrucksvoll bewiesen hat.

    In der heutigen Gesangslandschaft ist der Mezzosopran meiner Meinung nach völlig falsch eingestuft. Diese Stimme nimmt einen falschen Platz auf dem "Stimmbaum" ein. Anstatt dass Mezzi die Rolle des tieferen, weiblichen, bodenständigen Soprans einnehmen und damit eine Brücke zwischen dem hohen Sopran und dem Alt schlagen, singen Mezzi ALLES, was tiefer als Sopran ist - vom hohen Mezzo (Amneris, Eboli) und Alt (Ulrica) auf der Bühne bis hin zum Solo-Alt in den Oratorien (z.B. Bach-Passionen). Die Mezzi versuchen dabei (bewusst oder unbewusst) farblich der Altstimme gerecht zu werden, gleichzeitig aber für die sopranartige Rollen einer Eboli oder Amneris gewappnet zu sein. Das kann nur schief gehen. Als Ergebnis sind unzählige Mezzi zu bewundern, die keine anständig klingende Tiefe haben, weil sie sich zu sehr auf die Höhe "eingeschossen" haben und in der Tiefe nicht "loslassen" können, gleichzeitig aber auch keine gute Höhe haben, weil sie abdunkeln und damit die organische Stimmfunktionalität in der Höhe verhindern. Es ist nicht selten zu beobachten, dass von einer recht langen Stimme (der Umfang eines Mezzo liegt nicht selten zwischen dem kleinen g und d''') nur noch eine einigermaßen akzeptabel funktionierende Oktave in der Mitte bleibt. Hauptsache dunkel und laut!

    Ich stelle zu meinem Entsetzen immer wieder fest, dass die Wörter "hell","leicht" und "leise/piano" in Verbindung mit Stimme regelmäßig einer Beleidigung gleichkommen. Ob Sängerinnen und Sänger, Mezzosoprane eingeschlossen, darum fast ausnahmslos ihre Stimmen abdunkeln und viel zu laut singen, um nicht "beschuldigt" zu werden, kann ich nicht abschließend sagen, dass dieses Verfahren aber äußerst geschmacklos und auch stimmschädlich ist schon!

    Ähnlich ist es auch um die andere mittlere Stimme - den Bariton - bestellt. Vermutlich unter einer "Dauerangst" leidend - Stichwörter: hell, leicht, leise - ist er von einer tiefsten Tenorstimme zu einem hohen Bass, besser gesagt Bassersatz mutiert. Ich muss sie schon wieder enttäuschen - das ist er NICHT! Der Bariton IST, bildlich gesagt, der dritte Tenor - ein Tenor mit mehr Charakter, so zu sagen. Ich weiß, ich weiß, ein Bariton hört so etwas ungern... Wenn ein Bariton seinen oberen Übergang (Passagio) jedoch richtig löst und die obere Sechste seiner Stimme nicht mehr aus der Mitte hochzieht, wie es heute leider üblich ist, unterscheidet er sich da oben kaum von einem Tenor. Dies bedeutet nicht, meine Herren, dass die obere Lage des Baritons mit einer geknödelten Fistelstimme gesungen wird, sondern lediglich, dass sie organischer und leichter heraus zu bekommen ist, als die an den Bühnen heute zu hörende "Tierquälerei". Im 19. Jahrhundert waren die Baritone, bis zur Unabhängigkeitserklärung des Heldentenors (tenore di forza, tenore robusto) Ende des 19. Jahrhunderts, DIE Männerstimme mit strahlender Höhe und kerniger Mitte, die von Komponisten gerne für die männlichen Hauptrollen eingesetzt wurden. Denken Sie bitte an Macbeth, Nabucco oder Rigoletto, aber auch Enrico (Il campanello), Torquato Tasso, Conte di Luna, Padre Germont etc. Hätten die Komponisten des 19. Jahrhunderts, jener Zeit in der sich "Bariton" als Stimmtyp herausgebildet hat, Sänger vorgefunden, die auf die heutige Art singen, ich bin mir sicher sie hätten NIEMALS solche Höhen für Bariton geschrieben.

    Das Verhältnis Tenor und Bariton dürfen Sie sich meiner Meinung nach ähnlich wie das von Sopran und Mezzosopran vorstellen. Ein Bariton liegt mit seiner Stimmsubstanz sehr viel näher am Tenor und mit seinem Umfang und Zentrum genau zwischen dem Tenor und dem Bass. Die Tatsache, dass man so etwas kaum mehr nachvollziehen kann, liegt eher daran, dass die Klangvorstellungen von einem heutigen Tenor medial geprägt mit der Stimme eines Typs Pavarotti deckungsgleich ist. In der Vorstellung der Menschen ist der Tenor heute hoch angesiedelt - immer Richtung hohes "c" tendierend.

    Das war nicht immer so. Bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Tenor die "normale" Männerstimme - kein "das hohe C und drüber" Tenor wie Juan Diego Florez oder William Matteuzzi, sondern ein tieferer, ein Baritenor. Bitte verwechseln Sie dies nicht mit dem Tenor-Bariton - auch Bariton-Martin, nach dem hohen Bariton Jean-Blaise Martin, benannt. Hierbei handelt sich um einen hohen Bariton mit tenoraler Färbung.

    Man muss sich nur die Tenorrollen der Vorklassik, Klassik und der Frühromantik anschauen. Die "hohen Cs" sind äußerst rar gesät. Die Liedliteratur ist noch extremer. Liedzyklen wie die Schöne Müllerin, Winterreise oder Dichterliebe bleiben in ihren Originaltonart (hoch) immer unter "b", dafür reichen sie bis auf das tiefe b und a hinunter. Selbst die C-belastete Rossini-Literatur erfordert kein mit der Brustimme hochgestemmtes C. Aus den Gesangschulen der Rossini-Zeit ist es bekannt, dass die Tenöre die Töne ab dem oberen Passagio - sprich fis/g - mit Falsett sangen. Wie schon vielen sicherlich bekannt, war Rossinis erster Almaviva Manuel Garcia der Ältere. Er war kein C-Tenor, wie von den Italienern des 19. Jahrhunderts übrigens als Tenorino (di grazia) bezeichnet, sondern ein tieferer, männlicher Tenor - ein Baritenor. Ich glaube, dass Rossini im Grab rotiert, wenn er hört, wie sein Almaviva heute mit Tenorini besetz wird. Im Repertoire des besagten Signor Garcia befand sich unter anderem die Titelrolle aus Mozarts Don Giovanni - eine Baritonrolle, also. Für ebensolche Tenöre der Zeit keine Seltenheit.

    Wenn Sie den Tenor aus der Sicht des 19. Jahrhunderts betrachten, so ist ein heller, sprich natürlich klingender Bariton wirklich nicht so weit entfernt. Etwas tiefer als dieser ist der Bass-Bariton. Heute ist der Bassbariton, wohlwollend unterstelle ich einmal irrtümlich oder unabsichtlich, völlig in die Bass-Schiene gerutscht. Dabei war mit Sicherheit das Wörtchen "Bass-" aus Bassbariton schuld. Man verbindet es im Bezug auf eine Stimme gerne mit der Bassstimme. In der Bezeichnung Bassbariton ist das Wort "Bass" aber nur ein Adjektiv - "tief". Der Bassbariton ist nämlich nur etwas (!) tiefer gelagert als der "normaler" Bariton, jedoch immer noch mit einer als solchen deutlich wahrnehmbaren Bariton-Färbung. Ganz konkret heißt das, der "normale" (hohe) Bariton hat sein Stimmzentrum zwischen d und d', der Bass-Bariton aber (nur) eine Sekunde tiefer. Mit einem Bass-Klang hat das nichts aber auch gar nichts zu tun!

    Um dem ähnlichen Stimmumfang des Bassbaritons eine Bass-Färbung zu verleihen ist eine andere Stimme von Nöten - der hohe Bass, auch basso cantante oder "Belcanto-Bass" genannt. Diese Stimme ist der Dodo-Vogel der heutigen Gesangslandschaft. Man kennt ihn aus den Büchern, es existieren sogar (Auf-)Zeichnungen von ihm. Es gibt ihn heute aber leider nicht mehr, er ist ausgestorben. Der Zeitpunkt ist sogar bekannt: Ende des 19. Jahrhunderts. Männer, die ein basso-cantante-Organ haben, gibt es natürlich auch heute noch. Um basso-cantante-Sänger zu werden, benötigt Mann aber auch noch eine entsprechende Ausbildung. Um die natürlich-edle Bassfärbung eines basso cantante zu erhalten, und die für Bel Canto notwendigen technischen Fähigkeiten zu erwerben, bedarf es einer anderen Technik, als der der heute übliche Tonemission eines brunftigen Hirsches zu Grund liegenden. Hören Sie doch einmal eine Aufnahmen von Pol Plançon, einem der letzten echten basso cantante, an. Sie werden verstehen, was ich meine...

    Können Sie sich vorstellen, dass Rollen wie Malatesta, Belcore oder Dandini eigentlich für ein basso cantante gedacht waren? So ist der Umfang dieser Rollen (G-f') und deren Zentrum (etwa zwischen c und c') auch verständlich. Heute gibt es diese und ähnliche Besetzungsvarianten Varianten der Rollen:

    1. Die Rollen werden mit einem Bass-Bariton besetzt, der sich leider erfolglos mit der filigranen Melodie abmüht, oder
    2. sie werden mit einem leichteren Bariton besetzt, der versucht alle tieferen Stellen / Kadenzen nach oben zu transponieren.

    Zufriedenstellend ist aber keine der beiden Varianten.

    Nun versuche ich eine Reihe der Männerstimmen der Höhe nach von oben nach unten aufzustellen, wobei ich den Abschnitt vom männlichen Sopran bis männlichen Altus bewusst auslasse:

  • Contraltino (Contratenor)
  • Tenorino (di grazia)
  • Tenor
  • Baritenor
  • Tenor-Bariton (Bariton-Martin)
  • Bariton
  • Bass-Bariton
  • Hoher Bass (basso cantante)
  • Tiefer Bass (basso profondo)

    Einige dieser Bezeichnungen sind heute nur noch aus den Büchern bekannt. Diese Stimmen als Stimmorgane gibt es aber wirklich! Heute macht man es sich nur leider zu leicht und presst sie in falsche Formen hinein.

    Der Contraltino (Contratenor) ist schon von Natur aus äußerst rar. Es ist eine Tenorstimme, die so hoch ist, dass sie sich im Umfang der Altstimme zu Hause fühlt. Sie ist mit einem Altus - dem Falsett-Sänger - nicht zu verwechseln. Eine bedeutsame Aufgabe im heutigen Musikbetrieb haben sie kaum. Das ist auch verständlich, denn kein Komponist, der seine Werke gespielt und gesungen wissen möchte, schreibt ausschließlich für Contraltino. Zu selten sind sie und die Gefahren zu groß, dass das Werk zu einer Schubladenleiche wird. Die raren Contraltini verleben ihre Karrieren meistens als stimmliche Kuriositäten.

    Der Tenorino, wenn auch nicht unter diesem Namen anzutreffen, ist seit einiger Zeit auf dem Vormarsch. Noch in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts konnte man kaum einen Tenor finden, der sich an den Tonio aus der Regimentstochter wagte. Die NEUN hohen Cs in der Arie können schon einschüchtern, vor allem, wenn man sie mit Bruststimme singt (singen muss) und nicht im Falsett, wie zu Donizettis Zeiten. Es gibt demzufolge Gesamtaufnahmen (Tonio - Cesare Valetti) in denen man die Arie heruntertransponiert hat. Heute, mit neugewonnenem Selbstbewusstsein und mit der Erkenntnis, dass man mit vielen hohen Cs viel Geld verdienen kann, "outen" sich immer mehr Tenöre als "hohe Tenöre" - Tenorini halt.

    Nur Tenor zu sein, eine normaler (lyrischer oder dramatischer) Tenor, reicht fast nicht mehr. Die Tenöre sind heute entweder hoher Tenor oder gleich schwere Wagner-Tenor. Als einfacher Tenor gewinnt man heute kein Pokal mehr, denn der steht ja in Abhängigkeit des medialen Verkaufswertes.

    Die nächsten zwei - Baritenor und Tenor-Bariton - sind die wahren Verlierer der Stimmfachverteilung. Da sie in den Besetzungslisten der Opernpartituren nicht explizit vorkommen und die Sängerinnen und Sänger sich heutzutage die Rollen selbst nicht aussuchen dürfen / können, müssen sich die Beiden "klein, rund und rot" machen, um als Kirschen durchzukommen. Der Baritenor, ob lyrisch oder dramatisch, landet meistens im Helden- (Wagner-) Fach. Für viele von denen ist es anstrengend, was man auch gut hört. Ihnen bleibt aber kaum etwas Anderes als Helden-Tenor oder Liedsänger übrig! Der Tenor-Bariton (Bariton-Martin) hat der Möglichkeiten zwei: Er quält sich ein Bisschen hoch und singt den Helden-Tenor (ha!ha!), oder er dunkelt ab und singt italienischen Bariton (der muss eh nicht so tief). Dass nenne ich Demokratie!

    Die Rollen und Möglichkeiten des Baritons, des Bassbaritons und des hohen wie tiefen Basses sind ziemlich klar. Eines sei doch nochmals wiederholt:

    Alle Stimmen, tiefer Alt und Bass eingeschlossen, sind von Natur aus heller, als man sie heute kennt und hört!

    Ich kehre aber noch einmal kurz zu den Frauenstimmen zurück. Der zweiter Dodo der Gesangsfauna ist die Altstimme. Ihr Schicksal erlebt im heutigen Musikbetrieb einen bedauernswerten Verlauf. Rein theoretisch ist Alt, als Stimme, ausgestorben. Richtige Altistinnen gibt es auf den Bühnen so gut wie gar nicht, gute erst recht nicht. Die für Alt geschriebene Musik wird heute, wie schon erwähnt vom Mezzosopran oder Altus (männlicher Falsett-Alt) gerne übernommen. Es gibt auch immer wieder Sängerinnen, die sich als Altistinnen bezeichnen, ohne uns das zu bieten, was eine Altstimme ausmacht: einen dunklen Stimmkern in der tiefen Lage. Achtung! Man verwechselt heute aus Unwissenheit gerne den Mangel an Stimmglanz mit einem dunklen Kern. Außerdem "strecken sich" die wenigen echten Alt-Stimmorgane erfolglos in das Mezzo-Fach, mit der Folge, dass gleich allen anderen Stimmen, die ihre Mitte höher legen wollen, sowohl die Tiefe wie auch die Höhe verloren geht. Damit wird die Rolle der Altstimme im "Stimmbaum" untergraben. Die Altstimme ist nämlich die Männerstimme unter den Frauenstimmen. Sie kann in der Tiefe (ab c' abwärts) satter klingen als ein lyrischer Tenor und in der Mitte und Höhe weiblich und rund klingen wie ein Mezzosopran. Ich hoffe, ich trete damit niemandem zu nah, wenn ich sage, dass Alt eine Art Zwitterstimme ist: Sie steckt wie auch der Contraltino voll Überraschungen.

    Dafür dass Alti heutzutage auf den Bühnen ausgestorben sind, gibt es meiner Meinung nach mindesten zwei Gründe. Als erstes scheinen mir die Veränderung des Musikrepertoires und der daraus folgende Mangel an Bedarf an Altstimmen verantwortlich. Bis ans Ende des 19. Jahrhunderts war der Alt, als tiefste Frauenstimme oder Kastratenersatz Bestandteil jeder Opera seria (Hosenrollen). Denken Sie nur bitte an all die zahllosen schönen Alt-Soli in den Oratorien Bachs und Händels und Alt-Rollen in den Opern Händels, Rossinis, Donizettis, Mercadantes und Meyerbeers, aber auch in den Opern Verdis und Wagners. Viele dieser Werke wurden ab 1900, 1920 nicht mehr gespielt. Der Musikbetrieb konzentrierte sich auf die damalige zeitgenössische Musik, die auf der Besetzungsliste eindeutig weniger Alt hatte. So brauchte man auch weniger Altstimmen. Das Repertoire kehrt zwar heute zu der Musik, die Alti benötigt, wieder zurück, doch jetzt gibt es keine Lehrer mehr, die mit einer Alt-Schülerin, wenn zufällig eine da ist, umgehen können. Das wäre dann auch der zweite Grund für den Mangel an Alt-Stimmen. In den alten Gesangschulen hat man immer den Unterschied zwischen einem Mezzo und einem Alt hervorgehoben und die Qualität der Altstimme deutlich über die der Mezzi gestellt! Die Qualität der Altstimme - nicht als Bewertung, sondern schlicht als Beschreibung gedacht - muss man als Lehrer erst einmal erkennen können und dann zu fordern und zu fördern wissen. Denn viel zu laut und zu gewichtig gesungene tiefe Töne führen, so paradox es auch klingen mag, zu einem Mangel an Tiefe. Zu deutsch: Die Tiefe muss man LEICHT singen damit sie KRÄFTIG und LAUT klingt!

    Und so ist in der Höhe darauf achten, dass Alti keine Mezzi sind. Viele Altstimme erreichen problemlos das c''', ihr Stimmzentrum ist trotzdem eine Terz unter dem des Mezzos. Hiermit kann ich den Kreis schließen:

    Erst schulen - dann bestimmen!

    Bei ungeschulten und ungeübten Stimmen sind die Verhältnisse der Lagen innerhalb des Umfangs, ihre Übergänge und damit das Zentrum der Stimme noch nicht so deutlich definiert. Wie schon gesagt, bei den extremen Stimmen - einem hohen Sopran / Tenor oder einem tiefen Bass - ist es weniger problematisch. Doch bei den etwas tiefer gelagerten Stimme - tieferer Sopran, Mezzosopran, tiefer Tenor, Bariton und hoher Bass muss der Gesanglehrer sehr vorsichtig sein. Viel zu häufig sind Irrtümer zu hören, die auf schlechte oder sogar falsche Schulung zurück zu führen sind. Jeder Lehrer sollte, bildlich gesprochen, erst die Frucht reifen lassen eh er deren Art bestimmt. Sonst werden leicht unreifen Kirschen zu Stachelbeeren!



    P.S. Ein kleines Danke schön!

    Ich möchte mich auf diesem Wege öffentlich bei www.youtube.com bedanken! Ich bin ein großer Anhänger der Website geworden. Für mich ist Youtube gleichzeitig ein Medienlexikon und Kulturbarometer. Ich empfinde es als Sänger und Musikliebhaber wunderschön die Klangzeugnisse des Könnens der vergangenen Zeiten aber auch der Gegenwart hören zu dürfen. Danke für die Möglichkeit, all die viele Video- und Audioaufnahmen der Vergangenheit zu hören, die uns die zeitgenössische Musikindustrie des Mainstreams vorenthält, um ihre gegenwärtigen Produkte, ihre Stars, nicht bloß zu stellen. Fast noch interessanter aber finde ich die diversen Kommentare der Nutzer. Manchmal amüsiert und manchmal ärgern mich die Reaktionen auf Sänger-Kollegen und deren Arbeit. Diese Reaktionen sind für mich Indikatoren der Kulturentwicklung heute. Ich finde die schizophrene Einstellung zum Gesang äußerst amüsant. Man bewundert die "Toten" (Sänger der Vergangenheit) und lobt die Zeitgenossen. Ich empfinde es so, als würde ein Vegetarier ein vorzügliches Rindersteak loben. Es vermittelt mir den Eindruck, als wolle man "das Alte" bewundern, wohlwissend um die eigene Unfähigkeit, es selbst zu erreichen, und sich mit dem "Neuem" begnügen.
    Danke Youtube!


    herzlichst Ihr
    Miklós Klajn


    © Miklós Klajn, 03.2008