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Ernster Spaß oder spaßiger Ernst
Musikunterricht in der Spaß-Gesellschaft
Als ich vor einigen Jahren für eine Musikschule zu arbeiten begann, für die ich etwa drei Jahre tätig war, sprach mich der Schulleiter an, den ich auch privat kannte. Er wollte mir einen guten Rat geben: "Weißt du, in diese Musikschule kommen keine Leute die Profis werden können. Die Menschen, die hierher kommen, wollen nur Spaß haben. Sie müssen nicht gut Spielen können... Hauptsache sie haben Spaß dabei."
Ich habe mir überlegt, was ich davon halten soll. Von akuter Übelkeit heimgesucht erinnerte ich mich an die Vorlesungen eines Professors der Pädagogik, eines verspäteten 68-ers, der gerne auf alles was er von seinen Lehrern kennt spuckt und dabei nicht merkt, daß er selbst genau so geworden ist wie sie. Nun, bei diesen Vorlesungen hörte ich zum ersten Mal die Theorie vom "Spaß-Unterricht" - und zwar als "offizielle Lehre". Es war zwar nicht zum ersten Mal, daß ich eine solche Haltung überhaupt wahrnehmen mußte, doch bis dahin hörte ich das nur von den Studienkollegen anderer Klassen. Die Ergebnisse der Arbeit sind nicht so wichtig, Hauptsache man hat Spaß dabei!
Und nachdem ich die Kollegen der Spaß-Fraktion und ihre Kunst des Musizierens ebenfalls kennenlernen konnte, war ich - da bin ich geständig - ein wenig verwirrt! Daß Unterricht Freude bereitet und Spaß zuläßt ist doch nichts, an dem etwas auszusetzen wäre. Doch wieso machen die Kollegen der Spaß-Fraktion, die ihre Sache mit Spaß machen, dann gleich so schlecht? Ich dachte, daß alle Sachen die man mit Spaß macht auch gelingen. Irre ich mich?
In den folgenden vier Semestern boten besagter Pädagogikprofessor und ich den Studienkollegen meiner Klasse ein regelmäßiges Unterhaltungsprogramm, denn ich scheute nicht vor klarem Widerspruch gegen all die Theorien zurück. Ich vertrat den Standpunkt, selbst gut genug singen können zu wollen, um meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen. Die Ergebnisse meine Arbeit sind mir also wichtig. Die Jahre vergingen, der Professor der Spaß-Fraktion unterrichtet zwischenzeitlich nicht mehr an der Hochschule, der Musikschulleiter hat die Musikschule mit Spaß in den Ruin getrieben. Ich begriff endlich, was wohl alle am "Spaß im Unterricht" falsch verstanden haben:
- gute Qualität der Arbeit,
- gute Ergebnisse,
- und Spaß im und am Unterricht
sind sehr wohl unter einen Hut zu bringen: Es ist alles nur eine Frage der Reihenfolge!
Zu diesem doch sehr ernsten Thema habe ich inzwischen einige meiner Kollegen Instrumental- und Gesanglehrer gesprochen. In folgenden Szenen versuche ich ihre und meine Erfahrungen darzustellen.
Szene I
Die heutige Musikpädagogik trennt die Vorgehensweise des Unterrichtens inoffiziell sehr gerne und vor allem sehr banal gerne in zwei große Pauschal-Gruppen:
1. die Ostblock- bzw. asiatische Drillmethode, und
2. die moderne (progressive) Spaß-Unterrichtsmethode.
Dabei ist die Ostblock-/asiatische-Drillmethode die veralterte Art zu unterrichten, bei der die Schüler an ihre Instrumente angekettet (Sänger ersatzweise mit Eisenkugel am Fußgelenk) in einem fensterlosen Kellerraum stundenlang Tonleitern und Etüden hoch und runter spielen müssen, während der Lehrer mit einer Kaffeetasse in der einen und dem Prügelstock in der anderen Hand die Prozedur streng beobachtet. Die Schüler, heißt es dann, seien demotiviert, schlechter Laune, außerdem werden aus ihnen schlechte Musiker!
In der modernen (progressiven) Spaß-Unterrichtsmethode wird der Unterricht vorzugsweise im Freien bei strahlendem Sonnenschein abgehalten. Den Lehrer, ein junger, dynamischer Mensch, der in jeder Hinsicht durch und durch IN ist, betrachten die Schüler als eine Art besten Freund, den man am liebsten immer um sich hätte. Der Schüler kommt und geht zur Stunde mit einem Lied auf den Lippen und lernt mühelos zwei neue Stücke durch bloße Anwesenheit in der Stunde. Diese Art musikalisches Schlaraffenland beschert uns dann viele, gut ausgebildete Musiker!?
Szene II
Mir selbst war es nicht vergönnt, bereits in der Kindheit Instrumentalkunterricht zu nehmen.
Nun gibt es in meiner Heimat - auch heute noch - die Möglichkeit ein Fachgymnasium zu besuchen. Um die Aufnahmeprüfung für das Musikgymnasium zu bestehen, habe ich mir die notwendige Materie auf recht unorthodoxem Wege angeeignet - ich war damals gerade 16 Jahre alt. Meinen ersten "organisierten" Instrumental- und Gesangunterricht erhielt ich erst im Alter von 17 Jahren. Das war zugegebenermaßen recht spät, doch das wußte ich auch. Meine Klavierlehrerin warnte mich, ich müsse sehr viel üben, um meine Kollegen einzuholen. Und so verlangte sie von mir, zu jeder Stunde eine Etüde (hauptsächlich Czerny), Tonleitern mit Parallelterzen, -sexten und -dezimen, Tonika und Dominante in Akkorden und Arpeggi, weiterhin ein polyphones Stück (meist Bach), eine Sonatine/Sonate und ein Charakterstück zu spielen - und das in 45 Minuten. Die Stunden folgten ohne Unterlaß, und das Ergebnis blieb nicht aus. In meiner Abschlußprüfung im Nebenfach Klavier spielte ich nach nur vier Jahren Unterricht (!) einen Satz aus Mozarts Klavierkonzert und ein Präludium mit Fuge aus dem "Wohltemperierten Klavier".
Es erging mir in meinem Gesangunterricht nicht anders. Ich sang im ersten Unterrichtsjahr am Musikgymnasium dreimal wöchentlich 45 Minuten nur Übungen und Tonleitern hoch und runter. Mein erstes Stück, ein Volkslied, durfte ich erst nach einem Jahr Unterricht lernen. Diese Art des Unterrichts stößt wahrscheinlich bei die meisten der hiesigen Musikschüler und Pädagogen als einer der größten Alpträume auf heftige Ablehnung. Aber ich habe damals keinen Druck auf mir oder gegen mich verspürt. Die Ergebnisse gaben meinen Lehrern einfach Recht!
Nach den ersten beiden mißlungenen Hochschuljahren in Deutschland kam ich zu dem Lehrer, den ich meinen Lehrer nennen kann. Er kommt, wie ich, ebenfalls vom Balkan und unterrichtete genauso, wie ich es schon kannte. Allerdings fühlte ich mich bei der modernen Spaßmethode der Nebenfächer ziemlich überfordert (oder doch unterfordert?). Ich empfand es als pures "Fischen im Trüben". Wir haben viel "herumgerätselt, herumgespielt, herumexperimentiert", viel Zeit miteinander verbracht und am Ende des Semesters konnte Niemand sichtbare Fortschritte vorweisen, aber wir haben Spaß gehabt! Ich habe dann begonnen mit den Instrumentalisten zu reden. Ich glaubte diese Vorgehensweise sei typisch für Sänger, doch ich mußte erfahren, daß die meisten der anderen Professoren genauso unterrichteten. Man spielt wenig bis keine Tonleitern oder Etüden, nur "die Musik". Daß Czerny bei den Pianisten regelrecht verpönt ist, sei nur am Rande erwähnt. Ich konnte aber auch in Erfahrung bringen, daß genau die Musiker, die instrumentaltechnisch und musikalisch besser waren die "langeiligen Übungen" weiterhin fleißig geübt hatten, ganz im stillen Kämmerlein. Ich hatte nie den Eindruck gewinnen können, sie seinen unglücklich darüber - ganz im Gegenteil...
Szene III
Das Studium ist absolviert. Aus Musikstudenten wurden Musiker... hoffentlich! Und viele von uns unterrichten nun. So, wie wir es gelernt haben, versuchen wir es auch weiterzugeben.
Wir treffen täglich neu Menschen, die zu uns kommen um Musikunterricht zu nehmen. Wir müssen herausfinden was sie sich vorstellen, was sie erreichen wollen, wie sie sich den Weg dahin vorstellen und wo die Grenzen ihrer Belastbarkeit versteckt sind. Bei erwachsenen Schülern ist das kein so großes Problem. Sie können ihre Gedanken mehr oder weniger klar formulieren. Bei Kindern wird die Sache in der Regel anspruchsvoller. Da ich im Einzelnunterricht mit Kindern wenig Erfahrung habe, referiere ich nur aus der zweiten Hand. Dabei sind die Schilderungen der Kollegen im Schema fast immer identisch: Mit den Kinderchen kommen zur ersten Stunde natürlich deren Eltern mit. Da sie den pädagogischen Fähigkeiten der Musiklehrer grundsätzlich ihr Vertrauen versagen, geben sie gleich zu Beginn so etwas wie eine "Gebrauchsanweisung" für ihr Kind ab. Erster und wichtigster Punkt ist vielen Eltern der Spaß im Unterricht. Als stünde ein psychologisch geschultes und äußerst weises Kind neben ihnen, sprechen die Eltern gerne in Anwesenheit eben dieses Kindes davon, schließlich hat man ja keine Geheimnisse voreinander. Die Eltern merken nur nicht, daß das Spiel genau in dem Moment bereits an das Kind verloren ging. Das Geld für den Unterricht können sich diese Eltern gleich sparen. Erfahrungsgemäß wird dann sowieso nichts mehr daraus.
Die meisten der heutigen Kinder wachsen mit Fernsehen und Computern, gerne auch mit einem Gameboy oder einer Playstation in den Händen auf. In frühestem Alter werden ihnen also in aggressiver Weise schnell wechselnde Bilder und Ereignisse vor die Augen gesetzt. Meine Frage: Wie viele Kinder können sich 20-30 Minuten, geschweige denn sogar 45 Minuten ohne Unterbrechung auf eine Sache konzentrieren, die nicht gleichzeitig unterhaltsame Animation darstellt?
Damit neuen Schüler der Instrumentalunterricht den notwendig Spaß einbringt, werden alle anspruchsvolle Elemente weggelassen. Als erstes werden die "langweiligen" Fingerübungen gestrichen, es folgt das Notenlesen (!). Lehrer mutieren zu Clowns und der Instrumentalunterricht zu einer abtrünnigen Art restmusikalischer Betreuung. Da die Kinder ohnehin schon so viel zu tun haben, sollen sie zu Hause nicht üben. So benötigen sie nicht selten Monate um an einem Stück zu arbeiten, ohne große Fortschritte zu sehen. Wen wundert´s, wenn dann die Lust ausbleibt und der Unterricht abgebrochen wird. "Es hat halt keinen Spaß mehr gemacht!". Von Eltern und Lehrern wird es als eine Tatsache angenommen, aber niemand forscht nach.
Ich habe selbst für längere Zeit einen Kinderchor in einer Grundschule geleitet. Ich empfinde es als sehr wichtige Erfahrung meines Lebens. Da ich in dieser Form noch nicht unterrichtet hatte, baute ich die Proben mehr oder weniger so auf, wie einen Einzelngesangunterricht für Erwachsene. Ich ließ die Kinder während der gesamten Probe in "Chorformation" stehen. Am Anfang einer jeden Probe habe ich sie etwa 15 Minuten eingesungen, damit wir zügig ans Erlernen von Liedern gehen konnten. Hier begegneten den Kindern bereits mindestens zwei neue Vorgehensweisen, die ihnen bislang fremd waren:
1. Sie mußten zweimal 30 Min. (mit einer Pause dazwischen) relativ dicht nebeneinander stehend aushalten, und
2. jedes Mal diese "komischen Übungen" singen.
Das bedeutete "Nervenkrieg"! Der dauerte etwa zwei Monate. Vermutlich wäre dieser Krieg früher zu Ende gewesen, hätten sich die Kollegen Grundschullehrer nicht ausgerechnet so an mich gewandt, daß die Kinder es auch mit Sicherheit hören konnten: Ob ich meine Arbeitsweise nicht "etwas lockerer angehen könne". Na ja, ich war meiner Sache sicher und nach zwei Monaten war alles so, als hätten die Kinder nie etwas anderes gemacht. An das Stehen haben sie sich schließlich gewöhnt, vor allem weil ich keine "Soldatenhaltung" verlangte. Die Übungen haben sie am Ende richtig lieb gewonnen und sogar protestiert, wenn ich sie ab und an weglassen wollte... Da sie noch dazu viele Lieder lernen konnten und Lob von Freunden und Lehrern bekamen, fühlten sie sich in ihrer Arbeit bestätigt und der Spaß an der Sache war genau deshalb vorhanden. Ich weiß, daß ich bei vielen der Lehrerkollegen keine Zustimmung für meine Arbeitsweise fand, doch ich war angenehm überrascht, als mir zugetragen wurde, daß mich die Kinder sehr mochten...
Szene IV
Vor geraumer Zeit habe ich einige Opernmelodien für Klavier bearbeitet und sie in einem Heft gesammelt. Dabei habe ich an solche Kinder gedacht, die erst zwei höchstens drei Jahre Unterricht hatten. Das Band habe ich an zwei Klavierlehrerinnen geschickt, um eine erste Reaktionen zu erfahren. Eine von ihnen unterrichtet in Deutschland, die andere in meiner Heimat, an der Grenze zwischen Ungarn und der Vojvodina. Auf Antwort mußte ich nicht lange warten. Die hiesige Bekannte fragte mich, ob ich noch ganz gesund wäre. Die Stücke seien eine Seite oder länger und ihre Schüler schafften in dem Stadium nicht einmal einen Zweizeiler zur Zeit. Die befreundete Klavierlehrerin meiner Heimat versetzte das Heft in Begeisterung und Entzücken. Sie hatte das Heft bereits an die Kinder der Vorstufe (etwa 6 - 8 Jahre) weitergegeben, die sich mit den Stücken aus dem Heft mit Freude beschäftigten.
Nun noch einige Details zur Szene: Beide Klavierlehrerinnen sind etwa Ende zwanzig - also jung und dynamisch - und trotzdem Anhänger der Fraktion "Erst die Arbeit dann das Vergnügen".
Epilog
Der Spaß am Unterricht ist eine Frage der richtigen Reihenfolge!
Ich versuche - trotz aller Gefahren - zu resümieren: Dauerhaften Spaß am Musizieren verschafft der Lehrer seinem Schüler, indem er diesem regelmäßige Erfolge "beschert". Regelmäßige Erfolge treten aber nur bei regelmäßiger Arbeit auf. Dabei ist die richtige Reihfolge die folgende:
1. qualitativ und quantitativ gute Arbeit, die dem Schüler möglicherweise eine anfängliche Periode der "Spaßlosigkeit" verursacht,
2. erste und weitere Erfolge, die guter und konsequenter Arbeit folgen,
3. dauerhaft anhaltender Spaß, Zufriedenheit und Motivation für den Schüler (und Lehrer) mit der eigenen Arbeit als "Begleiterscheinung" von Erfolgen.
Bei Erwachsenen als Schülern kann eine einfache Unterhaltung über dieses Thema ausreichend sein, doch bei Kindern müssen Sie sich die Eltern "vorknöpfen". Ihnen muß klar gemacht werden, daß die Kinder Tonleitern und Etüden üben müssen, auch wenn manche Eltern sich am Nachmittag gerne eine halbe Stunde Ruhe wünschen... Denn wenn Eltern ihren Kindern am Anfang ihrer Unterrichtszeit die Übezeit für die "Schmutzarbeit" einräumen, werden sie später um so eher mit guter Musik belohnt.
Übrigens, dieser deutsche Pädagogikprofessor konnte mich mit seinen Spaß-Theorien bis heute nicht überzeugen.
herzlichst Ihr
Miklós Klajn
© Miklós Klajn, 2004
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