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Musik und die Relativitätstheorie
Alles ist relativ, mein Albert!
Legendär ist ein "Kunstwerk" des berühmten Joseph Beuys: Die Fettecke! Die Fettecke bestand aus fünf Kilogramm Markenbutter in 5m Höhe an der Wand seines Ateliers an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Nach Beuys´ Tod sollte dessen Atelier wieder dem Lehrbetrieb zugänglich werden. Der Hausmeister vermochte die Kunst im Atelier nicht als Kunst zu erkennen und reinigte gewissenhaft die fetthaltige Ecke. Die Folge war eine wohl unglaubliche Klage vom dem Landgericht Düsseldorf, die in zweiter Instanz sogar vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verhandelt wurde. Geklagt hatte nicht der tote Urheber, sondern der Widmungsempfänger des "Kunstwerkes". Und obwohl der Hausmeister nichts Anderes tat, als das, was ein Mensch mit gesundem Menschenverstand tut, wurde die Klage durch einen Vergleich beigelegt - das Land NRW zahlte dem Kläger 40.000 DM....
Was wäre passiert, hätte der Hausmeister 5 Kg Butter kunstvoll in eine Ecke geschmiert?
Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre der Hausmeister erst gefeuert und die Ecke dann auf seine Kosten gereinigt worden. Weil die Sauerei aber von Beuys stammt, in dessen künstlerischem Schaffen das Fett eine besondere Symbolik hatte - so sagen die Gelehrten - akzeptiert man, oder noch besser, verehrt man die Fettecke, als käme ihr tatsächlich eine Bedeutung zu!
Ähnlich hinreißende Arbeit macht ein gewisses Pärchen, welches regelmäßig große Gegenstände, Pflanzen oder Gebäude einpackt. Gebäude, Bäume (!!!)... Stellen wir uns einmal vor, ein unbescholtener Bürger hüllt einen Baum oder ein hoheitliches Gebäude mit Papier oder Stoff ein und ziert die Verpackung mit einigen Schleifchen. Ich glaube, dieser Bürger hätte die letzte Schleife nicht zubinden können, ohne daß die weißen Engel mir einer modischen Schnürjacke auftauchten. Und das wohl zurecht! Das benannte Pärchen hingegen pilgert wie die zwei Gauner-Weber aus "Des Königs neue Kleider" von Stadt zu Stadt und von Land zu Land und erwirtschaftet mit der Vermarktung seiner Verpackungskünste auch noch eine Menge Geld.
Andererseits fällt kaum jemandem ein, einen Gärtner, der aus Buchsbäumen die wunderschönsten Formen modelliert, oder einem Menschen, der einen Eisschwan für eine "Society-Party" geschaffen hat, einen Künstler zu nennen. Warum eigentlich nicht? Hinter diesem Schaffen stecken Idee, Können und handwerkliche Geschicklichkeit. Oder liegt das Versangen dieser Anerkennung darin verursacht, daß wirklich jeder, also auch der Kunst-Laie, das Kunstvolle hieran erkennen kann, und sich der Kenner so vom Pleb nicht mehr abheben kann?
WIE entsteht eigentlich Kunst für den heutigen Markt?
An den Stellen der Kunst, an denen die "Relativitätstheorie" in Kraft tritt, hat sich lange vorher schon der gesunde Menschenverstand verabschiedet. Oder wie läßt sich erklären, daß ein und der gleiche Tatbestand bei manchen als unerzogen, schlampig, ungebildet oder schlicht nur dämlich tituliert wird, andere aber kurzerhand zur Avantgarde macht oder zu Genies krönt? Dieses Phänomen ist, wie vorher schon angeführt, überall um uns herum zu erkennen.
Als prachtvolles Beispiel dient das Fernsehen als das Massenmedium der Zeit. Jeden Tag werden Menschen mit irgendwelchen Pseudosendungen bombardiert, in denen neue Talente, Stars - `starke´ Persönlichkeiten mit angeblicher "Ausstrahlung" - präsentiert. Diese "Stars" werden aber aus Tausenden willigen und schlangestehenden Kandidaten rekrutiert, die sich benutzen lassen wollen. Selbst dieser Vorgang wird gewinnbringend im Fernsehen übertragen. Die Kandidaten (Ungeschickte, Laien und Möchtegerns) werden in einem `langwierigen´ Arbeitsprozeß von maximal 3 Wochen (!) zu Stars aufgepäppelt - so ganz aus dem Nichts! Eine Popgruppe wird zusammengestellt, ohne daß die Mitglieder sich zuvor auf einem eher natürlichen Wege gefunden und kennengelernt hätten, wodurch eine gemeinsame künstlerische Vergangenheit entstanden und eine eigene Identität geprägt worden wäre. Sie werden also synthetisiert! Es entsteht eine angeblich künstlerische in Wahrheit aber inhaltsfreie Fassade mit einer Halbwertzeit unterhalb einer Legislaturperiode. Weshalb sich diese Prozesse inflationär beschleunigen und jede Form von Qualität auszulöschen drohen. Selbstverständlich wird alles medienwirksam präsentiert. Wo? Natürlich im Fernsehen! Wir sehen, niemand trägt mehr Schuld an der Misere des Qualitätsverlustes als die Medien selbst.
Christina
Sehr lebhaft ist mir meine erste bewußte Begegnung mit dem Namen Christina Aguilera in Erinnerung geblieben. Mir begegnete in Fernsehen, Radio und Printmedien immer wieder die sogenannte Pop-Diva mit der Donnerstimme, eine stimmgewaltige Sängerin. Ich, mit der U-Musik nicht besonders vertraut, stellte mir darunter eine echte Stimme vor. Wenn wir klassischen Sänger von einer "Donnerstimme" sprechen, dann denken wir bei den Frauen in erster Linie an "Wuchtbrummen" wie Birgit Nilsson oder Kirsten Flagstatt. Im Bereich der U-Musik viel mir eine Mahalia Jackson ein - wenn´s unbedingt sein muß, auch eine Tina Turner. Dann kam der Tag, an dem ich zum ersten Mal Frau Aguilera hörte. Mein erster Eindruck war der einer kreischenden Soubrette! Im Vergleich zu anderen Damen der Branche hatte sie wohl einen `gewissen´ Kern ("Alles ist relativ"), doch mir würde nicht einmal in trunkenem Zustand einfallen, die Stimme dieser Damen als Donnestimme zu titulieren! Aber die Medien halten hartnäckig an dieser und ähnlichen Darstellungen (Lügen?) fest.
Das, was gestern noch von Laien plump, stümperhaft und ungekonnt vorgetragen war, wird morgen genauso gemacht. Die Laien werden dann "Stars" genannt und bekommen dafür eine Menge Geld! Dies bezieht sich ebenso auf das Fernsehen samt Sänger, Schauspieler, Komiker (heute Comedians genannt), wie auf die Bühne, oder die Bildende Kunst. Vom Standpunkt der Tatsache betrachtet, daß alle irgendwie Geld verdienen wollen, wären solche Wucherungen wahrscheinlich nicht einmal so schmerzhaft, wenn es den Pädagogen im künstlerischen Bereich nicht ständig in die Quere käme.
Bittere Erfahrung
Dazu ein Beispiel. Ich leitete vor geraumer Zeit einen Kinderchor. Darin ein Schüler der dritten Jahrgangsstufe, der sich mehr der aktiven Störung seines Nachbarn widmete als dem Singen selbst. Ich sprach ihn in einer Pause an, ob er sich nicht auf das Singen konzentrieren wolle, um besser singen zu lernen. Er sagte mir, daß er das Singen gar nicht bräuchte, denn er wolle Pop-Star werden. Ich sagte, daß er dann doch erst recht üben müsse, oder kenne er einen Star, der nicht singen könne? Und während ich sprach, wurde mir die Absurdität meiner Frage schlagartig bewußt. ZLATKO! schoß der Kleine wie aus der Pistole. Für die Vergeßlichen: Zlatko ist der Möchtegern-Star aus den Anfängen von "Big Brother". Durch seine Dummheit ist er praktisch über Nacht berühmt geworden. Ich muß ehrlich gestehen, daß der Kleine einen wirkungsvollen Weg gefunden hatte, mich zum Schweigen zu bewegen. Was mich am meisten erstaunt hatte war die Tatsache, daß der Junge schlichtweg recht hatte. Leider ist diese für die Menschheit doch unwichtige Episode eine Tatsache, die ebenso auch in einer Kunst- oder Musikhochschule auf einer anderen Ebene hätte statt finden können.
Der Geigenprof
Annähernd jeder Geigenprofessor möchte seinem Studenten wohl die Finger brechen und einen Berufswechsel nahelegen spielte er Vivaldis "Vier Jahreszeiten" so kantig, grob und mit unschönem Ton, wie der Engländer mit der Igelfrisur. Steht man aber bei EMI unter Vertrag und erfährt ein solch unsägliches Maß an Medienrummel, so erscheint die immer noch unverändert kantige und grobe Spielweise plötzlich im euphemistischen Gewand der "Interpretation"! Was der Geigenprofessor an der Hochschule seinem Studenten diszipliniert austreiben wird, kann in "freier Wildnis" vielleicht teuer verkauft werden!?
Kennen Sie noch den berühmten Pianisten, der fast unter das Klavier kroch, jedesmal wenn er spielte...? Ich überlege, was meine - ach, was jede Klavierlehrerin getan hätte, hätte ich als Schüler jemals so am Klavier gesessen...
Der Gesang
Kommen wir nun zum Gesang, einem Gebiet der Kunst, welches in seiner Gesamtheit sicherlich den mit Abstand fruchtbarsten Boden für die "Relativität" der Kunst bietet. Bei Sängerinnen und Sängern gab es schon immer kleine Macken, die schlichtweg geduldet wurden - vielmehr als liebenswerte Besonderheiten angesehen wurden. Ich glaube, unter den guten und verantwortungsvollen Gesanglehrern gibt es keinen, der bei seinen Schülern das Heldische Stemmen eines `reifen´ Enrico Carusos, das permanente Zu-tief-Singen einer Renata Tebaldi oder eines Peter Anders, das berühmte Callas-Vibrato oder ihre unlänglich bekannte "Socke-im-Mund" duldet. Ganz im Gegenteil! Und doch scheinen die gerade genannten Marotten wie Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was man von heute aktiven Sängerinnen und Sängern zu hören bekommt.
Der Mezzo
Was sagt wohl ein Dirigent in einem Vorsingen, wenn eine Sängerin eine Händelarie mit Maschinengewehrkoloraturen - begleitet von ausgeprägt unnatürlicher Gesichtsmimik, einer ständigen `HWS-Gymnastik´ und krampfartiger Arm- und Fingerhaltung - vorträgt, ohne wirklich über den Orchestergraben hinaus hörbar zu sein? Vermutlich nur: "Danke sehr! Rufen Sie uns nicht an! Wir rufen Sie an!" Und doch piepst uns so ein Stimmchen verbunden mit einer kleinen lächelnden, quirligen, hektischen italienischen Person und einer Menge musikalischer Geschmacklosigkeiten von gut zwei Duzend CDs an und dreht uns eine Nase, als sagte sie: "Ätsch! Wenn Ihr bis heute nicht bemerkt habt, daß ich mehr als zehn Jahre im falschen Stimmfach gesungen habe, dann werdet Ihr auch nicht bemerken, daß ich eigentlich keine Stimme habe! Äh, äh, äh!!!"
Und so füllen sich dank der Relativierungsmechanismen effiktiv geführter PR-Abteilungen ihre Taschen und die der DECCA und ihrer New Yorker Agentur reichlich und scheinbar endlos. Ich persönlich kenne ein halbes Dutzend guter aber unbekannter Sängerinnen, die diese "Berühmtheit" objektiv betrachtet müde lächelnd an die Wand zu singen vermögen. Ich kann nicht verstehen, mit welcherlei Maßen hier gemessen wird.
Der Tenor
Es gibt einen bekannten Tenor von sehr ansprechender Erscheinung. Eine hübsche Stimme hätte er auch, beginnt aber Konzert und Vorstellungen bereits leicht heiser. Ach so, sie kennen mehrere von denen? Ich kenne auch mehr als einen Tenor dieser Sorte, aber nicht viele die eine Sopranistin heiraten und dann gemeinsam im "dramatischen Fach" eine bildschöne Karriere absolvieren. Nun, was würden Sie als Gesanglehrer solch einem Sänger raten? Ja, genau: "Gehe ins dramatische Fach! Dort bemerkt bei all dem überlauten Orchesterklang keiner mehr die Heiserkeit deiner Stimme!" Oder doch: "Nimm Gesangstunden! Lerne die Kunst zu singen endlich richtig!" Wie dem auch sei, dieser Tenor braucht sich ob seiner Karriere keine Sorgen mehr machen! Da er als Künstler bereits anerkannter ist, werden Heiserkeit und Gebrülle durch die PR-Maschinerie seiner Plattenfirma als Timbre deklariert und dadurch sowohl auf Bühnen und Tonträgern weiterhin sehr gefragt sein. Was aber passiert, wenn ein solcher Tenor mit eben den gleichen fragwürdigen Qualitäten eine Aufnahmeprüfung an einer Hochschule absolviert?
1) Wäre der Kandidat Anfang zwanzig, so würde man ihn wohl mit Handkußaufnehmen, und versuchen, bestenfalls einige Korrekturen schlimmstenfalls erhebliche Verschlimmbesserungen in den 10-15 Semester angedeihen zu lassen.
2) Wäre der Kandidat im jetzigen Alter des Tenors, jedoch ohne dessen Bekanntheitsgrad, so dürfte er wohl ausgelacht und abgewiesen werden.
3) Wäre der Kandidat ein asiatischer Tenor von Mitte dreißig mit einem zuvor in seiner Heimat abgeschlossenen Studium, so dürfte er sicherlich noch zwei bis vier Semester als Lückenfüller im professoralen Stundenplan und damit als Geldbringer dienen.
Und jetzt alle gemeinsam: "Alles ist relativ, mein Albert!"
Die Diva
Ist Ihnen 2004/2005 der TV-Werbespot einer Telefongesellschaft mit einer sich in der Badewanne räkelnden, Gounods "Juwelenarie" singenden Primadonna aufgefallen? Dieser Werbespot ist, so glaube ich, das neueste Beispiel der Relativität der Musik - und das in doppelter Hinsicht.
Zum Einen: Wäre die Dame kein Jungstar am Opernhimmel, der regelmäßig von hervorragenden Fotografen ins Bild gesetzt wird, wäre die zuteil werdende Aufmerksamkeit möglicherweise deutlich geringer, denn ob sie stimmlich die Zwischenprüfung einer anständigen Musikhochschule bestünde wage ich in Frage zu stellen. Zum Anderen gäbe es sicherlich eine Menge gutaussehender Models, die den "Wanne-räkel-Job" mindestens genausogut hätten ausführen können.
Ich bin verständnisvoll für die armen Unternehmer und die noch ärmeren PR- und Werbefirmen, welche die Prominenz schaffen, auf die sie angewiesen sind. So ist es klar warum bekannte Prominenz, die weder schauspielern, noch sprechen, geschweige denn singen kann, zu Werbezwecken engagiert wird. Ein Produkt, daß nicht mit einem bekannten Gesicht beworben wird, bleibt unbemerkt.
Die angefangene Beispielreihe ist nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs und ließe sich unendlich fortsetzen. Doch das Einzige, was wir davon haben, ist die Lehre über das Maß der Dinge, um objektive Beurteilung zu ermöglichen. Die Qualität von Kunst ist - zum Schrecken vieler Möchtegernkünstler - objektivierbar! Man sollte immer das gleiche Maß ansetzen, um eine gesunde und objektive Basis für Kultur zu schaffen. Daraus entsteht wiederum Platz für Fantasie und die für den Genuß von Kunst notwendige Subjektivität. Bei den Werken eines Michelangelos, da Vincis, Dürers, Mozarts oder Brahms´ sieht und hört jeder, sogar ohne Vorbelastung, daß es sich um von Können stammende Kunst handelt. Bei unseren Zeitgenossen ist das längst nicht so offensichtlich. Und so lange es unzulässig ist, Mist, der sich unter dem Decknamen `Kunst´ verbirgt, auch als Mist zu deklarieren, werden sich Menschen immer mehr von der Kunst abwenden und möglicherweise dadurch seelisch ein wenig verarmen. Damit das nicht passiert wünsche ich mir etwas:
Liebe Leser,
haltet alle Eure Sinne beisammen, vertraut Eurem eigenen Geschmack und Eurem eigenen Empfinden, bildet Euch eine eigene Meinung und laßt euch nichts einreden!
Zum Schluss noch eine Bitte an die Unternehmer:
Liebe Werbemanager,
wenn Ihr schon jemanden durchdrücken müßt, um Geld zu verdienen, dann jemanden mit Vorbildfunktion! Denkt an die Zukunft! Es kann passieren, daß es irgendwann keine richtigen Promis mehr gibt, weil die sich von den "Normalos" nicht mehr unterscheiden - weder im Aussehen, noch weniger im Können! Seid klug und denkt über das nächste Projekt hinaus... weit nach vorne... noch viel weiter...
herzlichst Ihr
Miklós Klajn
© Miklós Klajn, 2005-06
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