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Miklós Klajn, Miklós Klajn, Essay, Artikel, Die singenden Anatomielexika

 

Die singenden Anatomielexika

 
 

Bereits während meiner Studienzeit haben mich Sänger fasziniert, die sich in der Anatomie des menschlichen Körpers, speziell des Gesangsapparates besonders gut auskennen. Sie sind in der Lage alle Muskelchen, Knorpelchen und Knöchelchen des Mundraums, Kehlkopfes und der Atemwege genauestens benennen, manche beherrschen in ganz beeindruckender Weise sogar deren lateinischen Namen und beschreiben deren spezielle Funktion beim Gesang. Das finde ich bemerkenswert!

Recht viele dieser Spezies kennen die einschlägige Literatur in und auswendig, sie zitieren von Zeit zu Zeit auch gerne daraus. Selbst die Internetforen sind gefüllt mit Beiträge wissender, wissenschaftlich gewandter, Sänger, die ihr Wissen ganz präzise formuliert in der korrekten medizinischen Sprache anderen ganz selbstlos zur Verfügung stellen. Sie wissen mindestens wofür sie studiert haben!

Ich selbst kann dagegen nichts Anderes, als darauf neidisch sein - und singen! Ich kann alles, was ich singen will nur singen, aber NIE konnte ich mir erklären, WIE es geschieht. Und ich habe es ehrlich versucht! Ich habe die entsprechende Literatur gelesen, die Namen und Beschreibungen aller Teile des Gesangsapparates auswendig gelernt, doch profunde Kenntnisse in der Sängeranatomie blieben mir fern. Ich habe meine gesangstechnischen Fehler nur nach dem Gefühl korrigieren müssen. Meine Schüler unterrichte ich ebenfalls nur so. Ich höre zwar die verschiedenen Schwächen und Mängel sehr gut, ich kann auch die stimmtechnischen Probleme meine Schüler, meiner Sängerkollegen und auch eigene - wenn sich welche bei mir selbst verirren - erklären, ich kann sie auf eine sängertypisch laienhafte, zugegebener Maßen sehr bildhafte Art erklären, und wenn es gefragt ist auch restlos beseitigen, doch wissenschaftlich in Worte fassen kann ich es nicht. Ich unterrichte mich und meine Schüler immer noch nach Art der Sänger und Gesanglehrer vor Entdeckung der Kehlkopfspiegelung - nach dem Gefühl. Ach was würde ich geben, wenn ich auch so viel von Anatomie verstünde, wie die manch Sänger als wanderndes Anatomielexikorn!...

Oft schon wurde mir die Ehre zuteil, die Kunst dieser Art wissender Sänger hören zu dürfen. Sogar die Sänger, die ihr Wissen im Internet veröffentlichen hinterlegen gerne Tondokumente ihres Könnens. Und eine Sache fällt mir immer wieder auf: Keiner von denen, die die menschliche Anatomie und die Theorie der Gesangskunst so überwältigend gut beherrschen, beherrscht die eigene Stimme. Im Klartext: Es herrscht eine große Kluft zwischen der brillant dargelegten Theorie und der eher mittelmäßig bis mäßig ausgeführten Praxis. Warum? - habe ich mich immer gefragt.

Stört die Theorie sie bei der Ausführung der Praxis? Haben sie den Kopf nicht mehr frei genug zum Singen? Ich kenne da einen Spruch: Der Sänger sei vom denken frei!. Ist womöglich etwas Wahres daran? Stehen die Theorie und die Praxis des Musizierens allgemein in der gleichen Proportion, wie Theorie und Praxis bei ein Instrumentenbauer, der das Instrument bauen doch nie ein Virtuose auf dem Gleichen ist, nicht selten ganz im Gegenteil? Warum sind die HNO-Ärzte nicht die besten Sänger? Sie haben doch das "entsprechende" Wissen. Oder ist das Wissen um die Anatomie für den Gesang letztlich doch nebensächlich? Haben die wissenden Sänger wegen der vielen Beschäftigung mit der Theorie vielleicht zu wenig Zeit für die Praxis? Sind sie möglicherweise gar nicht mehr an der Praxis interessiert? Ist bei ihnen die Theorie zum Selbstzweck geworden? Warum verbinden sie ihr Wissen in der Theorie nicht mit den Lösungen in der Praxis? Oder habe ICH da einen falschen Weg eingeschlagen? Fingen die menschlichen Anatomielexika etwa erst dann an, sich mit der Theorie zu beschäftigen, nachdem sie den richtigen Weg in der Praxis nicht fanden?

Wenn es so ist, finde ich es äußerst löblich, daß jemand sich seinen Weg zur Besserung sucht. Doch wo und wann geht der Kompaß verloren?

Es gibt so viel Fragen und ich habe keine Antworten darauf. Wenn Sie, ja Sie, jemanden kennen, der gleichermaßen sehr gut Anatomie und Theorie sowie das Singen als Kunst beherrscht, dann lassen Sie es mich bitte wissen. Ich möchte sehr gerne mit einem solchen Künstler in Kontakt treten. Bis ich darauf aber eine Antworten finde, bliebt mir nichts Anderes übrig, als zu singen, ganz altmodisch, nach dem Gefühl! Auf mich wartet derweil noch viel Literatur, die gelernt und gesungen werden will. Ich versuche nicht daran zu verzweifeln...


herzlichst Ihr
Miklós Klajn


© Miklós Klajn, 2004