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Miklós Klajn, Essay, Artikel, Wie kommt DER dahin?, oder Wenn Glück im Spiel ist, Opernsänger, Gesangstechnik, Bühnengesang, bel canto

 

Bel Canto Sells!

Wer kann's und wer nicht!


Wie viele zeitgenössische Belcantisten, die Bel Canto praktizieren, kennen Sie?

Wenn ich diese Frage an die sogenannten Szenekenner stellte, bekäme ich mit Sicherheit immer ähnliche Antworten, in denen sich immer wieder die gleichen Namen aufreihten, wie Siepi, Callas, di Stefano, Tebaldi, Sutherland über Horne, Bergonzi, Ricciarelli, Pavarotti, Freni, sogar Fischer-Dieskau, bis Gheorghiu, Bartoli, Villazon und Netrebko. Sie alle und noch VIELE mehr gehören zu einer KLEINEN jedoch stetig wachsenden Bel-Canto-Familie der "Auserwählten". So oder ähnlich wird es tagtäglich in vielen Medien verbreitet und bestätigt. Auf die Frage: Was ist Bel Canto? liefen die Antworten mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Eine hinaus: "Eine (alte, spezielle, besondere) italienische Gesangstechnik". So weit, so gut. Diese Antwort wäre sehr allgemein gehalten, nicht vollständig, aber auch nicht falsch. Wenn nun die nächste Frage lautet: "Woran erkennt man diese italienische Gesangtechnik, den Bel Canto?" blieben die Antworten mit Sicherheit sehr spärlich. Die Frage nach den Merkmalen des Bel Canto heute zu stellen wäre so, als stellte man die Frage, wo die Seele des Menschen sitzt, oder was der Sinn des Lebens sei. Jeder hätte da wohl eine andere Meinung und gleichzeitig blieben alle Meinungen sehr verschwommen, abstrakt.

Das liegt vielleicht daran, dass Bel Canto heutzutage nur noch ein Begriff, eine abstrakte Bezeichnung ist - ein leerer Platzhalter. Den Inhalt, der mit diesem Terminus bezeichnet wird, kennen die meisten Menschen heute nicht mehr. Weder Laien, noch Kenner, Liebhaber oder sogar Profis - die Sänger also. Mit dem Namen "Bel Canto" wird alles bezeichnet, was einem im Bereich des Opern- bzw. Kunstgesanges so einfällt. So wird sich jeder, der sich gerade einen Namen machen, eine Karriere aufbauen möchte, als Belcantist bezeichnen. Auch wenn man heute nicht mehr weiß, was Bel Canto eigentlich ist, eines weiß man sicher:

Bel Canto sells!

Dabei ist scheinbar niemandem ausreichend klar, dass hier eine "Umetikettierung" stattfindet. Etwa so als nähme man ein "Dolce und Gabbana" Etikette, um es in eine schlechte Kopie aus dem fernen Osten einzunähen. Wer sich nicht auskennt bemerkt den Schwindel nicht, und ist gleichzeitig bereit für den Namen viel Geld zu bezahlen! So ist auch der Ausdruck "Bel Canto" für den größten Teil der Musikwelt auf der Bühne, sowie des Publikums völlig undefiniert - sie bemerken den Schwindel nicht. Gleichzeitig wird er als Markenzeichen für Qualität präsentiert und strahlt wie eine Aura mystischen Könnens. Die zwei kurzen italienischen Wörter bel canto in Bezug auf Musik - ganz speziell Gesang - bewirken marketingtechnische Wunder. Dabei scheint flächendeckende Aufklärung unerwünscht! Und trotzdem werde ich versuchen eine keine Einleitung im Sinne des Verbraucherschutzes zu Papier zu bringen.

Ich möchte gerne von dem ausgehen, was die meisten Menschen wohl kennen. Das dürften Sängermerkmale sein, die tagtäglich auf Bühnen und in Medien zu sehen und zu hören sind. Ich muss sie vielleicht auch gleich enttäuschen - das meisten, was dort zu sehen und zu hören ist, fällt in die Kategorie


1. Was Bel Canto NICHT ist

Hierzu zählen die optischen sowie die akustischen Merkmale.

a) Optische Merkmale

Bei sehr vielen Sänger der neueren Generation ist ein Übermaß an physischer Unruhe wahrnehmbar. Sie fuchteln und zappeln sinnlos auf der Bühne herum. Das wird sehr gerne als Temperament, sprudelnde Energie, Freude an der Musik oder auch dramatischer Ausdruck verkauft. Der größte Teil dieser Bewegungen ist aber leider nichts Anders als die körperliche Unterstützung mangelhafter Gesangtechnik.

Es gibt Sänger die bei einem Trilleransatz den Kopf schütteln, anderen "führen" ihre Melodielinie mit einer Handbewegung, einige steigen auf Zehenspitzen, um hohe Töne zu erreichen und wiederum andere wackeln mit dem Daumen, um schnellen Koloraturen singen zu können. Das alles und noch vieles mehr gehört NICHT zum Bel Canto. Ganz im Gegenteil - die Gesanglehrer des Bel Canto schulten auf den statischen Vortrag. Im 17. und 18. Jahrhundert übte man Gesang stundenlang (!) vor einem Spiegel, um sich mit dieser Selbstkontrolle unnötige Bewegungen und verzerrende Gesichtsmimik fernzuhalten. Man übte das Verharren in EINER Körperhaltung während der ganzen Arie, so war es damals eben üblich.

Wir wissen heute, dass zum Beispiel Farinelli am Ende einer langen Arie gelegentlich ein Arm einschlief. Der berühmte Kastrat des 18. Jahrhunderts benötigte dann die Hilfe eines Dritten, um diesen wieder in Bewegung zu bringen. Im 19. Jahrhundert lockerte sich die "Bühnenstarre". Die Sängerinnen und Sänger begann, sich zu bewegen, allerdings nur im Dienste von Handlung und Spiel, nicht als gesangstechnische Unterstützung. Heute sieht man sehr häufig eine starke Gesichtsmimik, wenn Sängerinnen und Sänger zum Beispiel die Nase rümpfend (vor und während des Tones) ihren Stimmsitz suchen und sich damit letztlich körperlich und geistig verkrampfen. Gleichzeitig versuchen sie, mit einer "befreienden" Geste ihre Spannung los zu werden. Es ist ein Teufelskreis. Die Lösung dieses Problems liegt nicht primär im Dämmen von Mimik und Gestik, sondern in einer (besseren) Gesangstechnik, welche die "Mimikfokusierung" und "Gestikbefreiung" nicht nötig hat.

b) Akustische Merkmale

Das deutlichste und damit für mich erste Merkmal, welches in keinem Fall mit Bel Canto vereinbar ist, ist der heute in der Regel deutlichst wahrnehmbare naturfremde Stimmklang. Damit wird das wichtigste Gebot der alten Bel-Canto-Schule - Si canta come si parla - gebrochen. Jedes Mal wenn ein Unterschied zwischen der Farbe der Sprechstimme und der Singstimme eines Sängers deutlich wahrnehmbar ist, ist das obengenannte Gebot verletzt. Ob es an einer falschen Sprech- oder einer falschen Singtonemission liegt, wäre jeweils zu klären, aber in mehr als 90% der mir bekannten Fälle, liegt es eindeutig an fragwürdigem Gesang. Ich könnte jedes Mal vor Lachen platzen, wenn ich Sopranistinnen, die mit einer mezzoartigen Stimme singen, in diversen Interviews mit einer silbrig zwitschernden Glöckchenstimme sprechen höre. Noch besser sind "Altistinnen" mit eben solch einer Soubretten-Sprechstimme. Es gibt aber auch Sänger, vorwiegend Männer, die anders herum ihre Sprechstimme der abgedunkelten Gesangstimme anpassen - Si canta come si parla - rückwärts, so zu sagen. Das klingt dann im Alltag besonders skurril. Aber: Zweimal falsch ist immer noch nicht richtig!

Ein zweites Merkmal, welches meines Erachtens mit Bel Canto in keinem Falle vereinbar ist, ist die unglaubliche dynamische und farbliche Armut. Erst gestern hörte ich in einem Galakonzert einen Tenor, der Blumen-Arie aus Bizets Carmen vom ersten bis zum letzten Ton in EINER Lautstärke (forte) und EINER Stimmfarbe (leicht dumpf) durchgebrüllt hat. Daran war nichts zu rütteln! Weder Text noch Melodie oder Harmonie konnten ihn von "seinem Weg" abbringen. Leider ist dieser Sänger mit seiner Einstellung nicht alleine.

Ein drittes Merkmal ist der äußerst "steife" Umgang mit Tempi. Die heutige Musikpraxis kennt den freien Umgang mit Tempi, wie es in der Zeit vor 1900 üblich war, nicht. Heute scheint das Metronom fast zu einem Orchesterinstrument avanciert zu sein - bei schnellen ebenso wie bei langsamen Werken. Dabei wäre es mir bei den schnelleren (virtuosen) Stücken noch verständlich, da das Tempo eine Komponente der Virtuosität ist. Aber Werke mit langsameren Tempi in einem metronomisch exakten Zeitmaß auszuführen führt diese Musik "ad absurdum". Ausnahmen für diese "Metronompraxis" gibt es auch heute. Das sind die Stücke, bei denen man das Tempo "traditionell" etwas freier behandelt. Ein Beispiel ist die Arie "Largo al factotum" aus "Il barbiere di Siviglia" von Gioacchino Rossini. Das Allegro vivace steht am Anfang der Arie, gesungen wird sie aber mit vielen Ritardandi und Accelerandi, sowie einigen Tempowechseln. Diese Arie wäre ein positives Beispiel für angewandten Bel canto heute, würde man diese Tempovielfalt aus der Laune heraus bei dem Vortrag machen. Stattdessen wird die Arie nur "papageiartig nachgesungen", wie das schon Tausende Baritone seit 200 Jahren machen. Dadurch klingt die Arie jedes Mal, mehr oder minder gleich!

Das vierte akustische Merkmal der aktuellen "non-bel-canto-Praxis" ist die - Notentreue! Es klingt völlig absurd? Ist aber so! Die Formel in der Bel Canto Gesangspraxis ist simpel:

Notentreue # Werktreue

Soll heißen, wer in einem Bel Canto Werk NUR das Aufgeschrieben singt, hat das Ziel verfehlt! Das gilt für die gesamten Notationen und Aufführungen zwischen 1600 und 1900. Heute erleben wir Umgang damit in zwei Varianten: Frau ist Koloratursopran und singt in den jeweiligen Arien die von Federico Ricci notierte und bei Ricordi säuberlich dokumentierten in einem Heft herausgegebenen Verzierungen, oder Mann / Frau singt in einem anderen Stimmfach - und verziert gar nicht! Es haben sich aber auch noch weitere Regelmäßigkeiten herausgebildet. So zum Beispiel

- Händel, Telemann und Vivaldi werden verziert, und zwar reichlich, deren Zeitgenossen Johann Sebastian Bach aber gar nicht!

- Rossini, Donizetti und Bellini werden verziert, die frühen Verdi-Opern, die zeitlich und stilistisch noch zu denen seiner vorgenannten Kollegen sehr wohl passen - bitte nicht!

- Außerdem scheint es zwischen dem Barock und dem Italienischen Bel Canto des 19. Jahrhunderts ein "Verzierungsvakuum" zu geben. Haydn, Mozart, Salieri, Paisiello, Cimarosa werden ebenfalls nicht verziert - Beethoven erst recht nicht.

Sängerinnen und Sänger, die die damaliger Verzierungspraxis heute anwenden können mehr Etikette verletzen als am spanischen Hof! Dabei ist es immer davon abhängig, an wen man eben gerade gerät. Ich muss der Fairness halber sagen, dass in letzten 10-15 Jahren eine "neue Welle der Verzierung" entsteht. Einige Musiker, Instrumentalisten wie Sänger, kehren durchaus und erfreulicherweise zu den Wurzeln der Verzierungspraxis zurück, auch über die Grenzen des Barocks hinaus. Sie versuchen das zurückzubringen, was uns die Musikpraxis der Nachkriegszeit (ab 1945) genommen hat.

Das fünftes und letzte akustische Merkmal, welches nicht zu den Merkmale der originalen Bel-Canto-Schule gehört, ist der Umgang mit dem Text. Dieses Merkmal erscheint in zwei miteinander verbundenen Formen:

- Unverständlichkeit des Textes für das Publikum
- Mangelhafte Textinterpretation in der Verbindung mit der Musik

Beide Formen, die Unverständlichkeit des Textes und die mangelhafte musikalische Interpretation des selben stehen in direkter Abhängigkeit des ersten Merkmals - der Stimmemission - und in indirekter Abhängigkeit von der intellektuellen Auffassungsgabe, des Textverständnisses des Sängers.

Zur Unverständlichkeit des Textes für das Publikum

Unverständlichkeit des Textes durch die Stimmemission bedeutet, dass die typische Stimmposition für "Si canta come si parla" - nämlich eine vordere Position - nicht vorhanden ist. Dieser Mangel an Stimmsitz bewirkt, dass nur bei ganz wenigen der gesungene Text noch zum Mitschreiben verständlich ist. Besonders ausgeprägt ist dies bei den Frauenstimmen. Es gibt hier eine weitverbreitete und bis zur Perfektion gepflegte Diktionsabart, wonach Frau sich ab einer bestimmten Höhe (oftmals ab f'' aufwärts) nicht einmal bemüht den Text auszusprechen, da dieses angeblich unmöglich sei - so die herrschende Meinung. Diese Art der Textmissachtung sind bei den Männerstimmen seltener zu finden. Dafür ist unter Männern eine andere Art des "textlosen Vokalisierens" verbreitet - Mann singt alle Vokale mit einer Vokaleinstellung. Höhere, hellere, lyrische Stimmen singen mit Vorliebe in einer "helle Färbung" - die, des "i" und "e", was dann zu charakteristischem "Knödeln" führt. Tiefere, dunklere, dramatische Stimmen hingegen singen oftmals gerne in die "dunkle Färbung" des "o" und "u", was die Stimme aus dem vorderen Stimmsitz entfernt und zu einem eher hohlen Klang führt. Beide technischen Fehler spiegeln sich teilweise in unterschiedlicher Weise wider, jedoch belasten Sie mit Sicherheit beide die Textverständlichkeit des Vortrags. Konsonanten einfach stärker auszusprechen, wie uns das viele Sänger schon so oft vorgeführt haben, ist keine Lösung. Man hört wie der Sänger sich die Seele aus dem Leib "herausspuckt" und die erste Reihe schon weggepustet hat, nur mit der Textverständlichkeit wird es nicht wirklich besser...

Zur mangelhaften Textinterpretation in der Verbindung mit der Musik

Ein zweiter, der indirekter Grund für die Unverständlichkeit des gesungenen Textes ist viel mehr intellektueller Natur. Ich meine, dass einem Sänger, den man singend nicht versteht, der Text gar nicht wichtig ist! Solche Sänger versuchen während des Singens erst gar nicht den Inhalt des Textes zu vermitteln - sie sind NUR, und AUSSCHLIESSLICH mit ihren Tönen beschäftigt! Wenn ein Mensch redet / spricht, machte er dies, weil er sich mitteilen möchte. Er möchte, dass das, was er zu sagen hat seine Empfänger erreicht. Er formt Worte, Vokale und Konsonanten, klar und deutlich. Der Stimmapparat bekommt eindeutige Signale vom Hirn und arbeitet wie gewohnt und gewollt. Wenn ein Sänger singt, verlagert er (ich vermute sogar unwissentlich) seine Priorität vom Inhalt, dem Text, auf das Prozess des Singens - auf die Tonemission. Der Kehlkopf samt Stimmapparat bekommt dann falsche Signale - ihm wird in die "Arbeit gepfuscht".

Hierzu ein Beispiel: Kennen Sie die "Baildnis-Arie"? So macht man sich über die Tenöre lustig, da man sehr oft am Anfang der Arie Taminos anstatt "Bildnis" häufig "Baildnis" wahrnimmt. Der Grund ist technischer Natur recht einfach erklärt. Der Sänger weiß, dass er "Dies Bildnis ist bezaubernd schön" singen soll, allerdings weiß er auch, dass zwischen dem Wort "dies" und "Bildnis" der Sprung von einer großen Sexte auf das hohe G zu bewältigen ist. Anstatt nur den Text singen zu wollen (das "i" ist schon durch "dies" vorbereitet) und die Interpretation - in diesem Fall das Entzücken - in den Vordergrund zu stellen, konzentriert er sich auf die große Sexte und den hohen Ton. Das geschieht häufig so, dass der Tenor seinen Rachen besonders weit macht. Und jetzt in Zeitlupe: "dies" wird bereits auf dem "b" mit einem (zu) weit geöffneten Rachen gesungen und das "g" mit einem beinahe Glissando erklommen, nach einem Bruchteil der Sekunde wird der zu weit geöffnete Rachen instinktiv wieder enger gemacht, um das "i" in "Bildnis" singen zu können. Dieser kleine Moment des "zu weit geöffneten Rachens" produziert dann den "a"-Laut in "Baildnis". Das muss alles nicht sein. Jeder sollte sich darauf konzentrieren, was er am besten kann: der Geist auf die Kunst und der Singapparat auf die Umsetzung der menschlichen Vorstellungen.

Dies waren die Merkmale, an denen man sehr gut erkennt, dass das was uns ein Sänger präsentiert KEIN Bel Canto ist!


2. Was also ist Bel Canto?

Das ist schon etwas schwieriger. Bel Canto ist in der Tat DIE italienische Gesangschule mit einer Jahrhunderte alten Tradition. Die Bel-Canto-Schule ist ein Begriff für die Gesangstechnik UND den musikalischen Stil. Dabei muss man sagen, dass beide sich schon seit Jahrhunderten gegenseitig inspiriert haben. Um die Anforderungen an ihre Stimmen bewältigen zu können, feilten die Sängerinnen und Sänger an ihrer Gesangstechnik und die Komponisten, vom sängerischen Können der Belcantisten beflügelt, schrieben atemberaubenden Stücke, die dann auch hohes Können abverlangten. Der Bel Canto erfuhr im Laufe der Zeit auch einige Veränderungen. Er passte sich dem jeweiligen musikalischen Geschmack an, oder besser gesagt - Der Bel Canto akklimatisierte sich. Als ein "Dauerhöhepunkt" des Bel Canto gelten das 17. 18. und 19. Jahrhundert. Jede musikalische Epoche dieser drei Jahrhunderte - der Barock, der Klassizismus, der Rokoko und die Romantik - hatten maßgeblich vom Bel Canto profitiert.

So sehr sich der musikalische Geschmack in den 300 Jahren auch geändert haben mag, die Bel-Canto-Schule behielt ihre zwei Stützpfeiler, die sich wie ein "roten Faden" durch die Jahrhunderte ziehen.

a) Die gesangstechnischen Merkmale
b) Die musikalisch-stilistischen Merkmale


a) Die gesangstechischen Merkmale

aa) Die leichte und natürliche Tonemission

Unter den gesangstechnischen Merkmalen des Bel Canto nimmt die leichte und natürliche Tonemission den ersten und den wichtigsten Platz ein. Sie ist DIE Grundlage des ganzen Könnens. Sie ermöglicht eine gute Stimmpräsenz ohne übermäßiges Volumen oder übermäßige Lautstärke, damit eine gute Tragfähigkeit der Stimme. Hierbei ist kein Trick im Spiel, sondern ein gutes Vorbild und jahrelange, alltägliche Übung. Die schon zitierte Maxime "Si canta come si parla" steht hier als eine Art Wegweiser und Mahnung zugleich. Man sollte dabei von einer gut bzw. gesund funktionierenden Sprechstimme (was als ein Teil des Sängerbegabung anzusehen ist) ausgehen und zu ihr immer wieder zurückkehren. Eine gesunde Sprechstimme bietet uns alle gesangstechnischen Lösungen, die wir im Kunstgesang brauchen - von der Palette der Dynamik bis zu einer reichhaltigen Bandbreite von Artikulation und Interpretation.

Es ist am besten die Funktion seiner eigenen Sprechstimme vom Flüstern bis zum Schreien wahrzunehmen. Daraus leitet man die Dynamik der Gesangstimme ab. So taten dies die Belcantisten der vergangenen Jahrhunderte auch. Die Fachausdrücke "chiaro" (hell) und "oscuro" (dunkel) weisen auf den Charakter, den Klang des gesungenen Tones in verschiedenen Lautstärken hin. Das "chiaro" ist die Kehlkopfposition (-öffnung), die vergleichbar mit der Öffnung für die gesprochenen Vokalen "i" und "e" ist. Diese Kehlkopföffnung ist eine "flache, schmale", wie sie Anwendung findet, wenn man mit einer gesunden Stimme leise spricht. Der so erzeugte Ton ist strahlend hell, fast "weiß", sogar bei dunkleren, tieferen Stimmen. Sie ermöglicht generell das Singen des "fil di voce" und den Männerstimmen auch in der Höhe unangestrengt leise zu singen, ohne in das Falsett "überzukippen". Für den leise(re)n Ton sind die tiefe Stütze und die starke Zwergfell-, Zwischenrippen- und Flankenatmung nicht notwendig. Ganz im Gegenteil - sie verhindern den leisen Ton. Warum man heutzutage trotz des Dauermisserfolgs und der ständigen Schwierigkeiten mit dem Piano immer noch das Gegenteil behauptet und sogar unterrichtet, ist mir persönlich ein Rätsel. Ganz unabhängig davon, dass dies ganz einfach in vielen alten Bel-Canto-Schulen nachzulesen ist, gibt es sogar noch ein Tondokument aus der näheren Vergangenheit, welches mich hierin bestätigt. Beniamino Gigli, der anerkannte Meister des "Leisen", hat es in seinem Meisterkurs in Wien 1955 selbst ausgesprochen und demonstriert. Der Meisterkurs wurde damals akustisch festgehalten. Teile dieser Aufnahme, ganz konkret die erwähnte Stelle, ist sogar bei Youtube.com zu finden!

Das "oscuro" ist die Kehlkopfstellung (-öffnung), vergleichbar mit der Öffnung für die gesprochenen Vokale "o" und "u". Diese Kehlkopföffnung ist die "tiefe, weite" Öffnung des lauten und gestützten Sprechens, z. B. beim Vorlesen in einem größeren Saal. Der so erzeugte Ton ist dunkel und kraftvoll, ohne dass die Stimme ihre vordere Position und ihren Glanz verlieren muss. Das "oscuro" ist notwendig um lautere und dramatischere Töne produzieren zu können.

Hinzu kommen noch die fließenden Übergänge in beide Richtungen, die unablässig für das "Messa di voce" sind. Die künstlich gehaltene ENORME innere Rachenweite in JEDER LAUTSTÄRKE, mit welcher der größter Teil der heutigen Sängerinnen und Sänger singt, spricht nicht nur gegen Bel Canto, sondern ist schlichtweg auch unvorteilhaft für einen schönen Ton - die Stimme klingt dadurch hohl.

bb) Das Legato

Das zweite wichtige gesangstechnische Merkmal des Bel Canto ist das schon legendäre "Legato". Legato ist bis heute von allen Sängern begehrt und von ganz wenigen gekonnt erreicht! Das liegt größtenteils an dem falsch verstandenen Begriff des Legatos. Legato ist nicht nur ein Binden der Töne während des Singens, sondern viel mehr das dauerhafte Erhalten der Stimm- und Körperresonanz. Heute wird das Legato durch das "Langziehen von Vokalen" erzeugt - Sängerinnen und Sänger ziehen die Vokale in jeder Silbe so lang wie möglich, um die Konsonanten dagegen so kurz wie möglich auszusprechen. Dabei entstehen in der Regel die nachfolgenden Probleme: Erstens werden den Konsonanten für eine sehr kurze Zeit Körperresonanz entzogen, und damit die Legatospannung unterbrochen. Zweitens klingt die gesungene Sprache durch zu lang gezogene Vokale artifiziell und wird ein Stück weit unverständlich. Das ist nicht der richtige Weg und ein Bel Canto Legato erst recht nicht. Zur notwendigen Lösung aber erst später...

cc) Agilià

Das dritte wichtige gesangstechnische Merkmal des Bel Canto ist die Beweglichkeit der Stimme - die Stimmgeläufigkeit (Agilità). Hierzu zählen nicht nur die Koloratur, sondern auch trillerartige Verzierungen - Triller, Mordent, Grupetto - und Staccato. Die Bel-Canto-Gesangskunst stellte im Bezug auf die Stimmebeweglichkeit sehr hohe Ansprüche an ALLE Stimmen, unabhängig (!) ob Sopran oder Bass. Alle Stimmgattungen waren "koloraturfähig". Dies bestätigt uns die Vokalmusik der Bel-Canto-Epoche zwischen 1600 und1850! Um Stimmgeläufigkeit zu erlangen, muss man zunächst einmal die Tonemission nach Bel Canto beherrschen.

Ohne eine leichte Tongebung gibt es keine guten Koloraturen!

Die Bel-Canto-Schule baut die Beweglichkeit der Stimme hauptsächlich auf das "chiaro" auf. In dieser Stellung ist der Kehlkopf am entspanntesten und damit für die "große Virtuosität" bereit. Als Beispiel kann man jene Sänger nennen, die in den Passagen, in denen sie längere Töne singen, Mankos in der Stimmemission aufweisen, jedoch in den Passagen mit Koloraturen eine beispielhafte Emission praktizieren - so z.B. Horne, Larmore, Bartoli. In ihrem Fall hat die Koloratur sie zu guter Emission "gezwungen".

b) Die musikalisch-stilistischen Merkmale

Außer den vorgenannten gesangstechnischen Merkmalen weist die Bel-Canto-Schule auch wichtige musikalisch-stilistische Merkmale auf.

aa) Die Gesangstimme im Mittelpunkt der Aufführung

Das erste Merkmal aus dieser Gruppe ist die Tatsache, dass die Werke des Bel Canto musikalisch die Singstimme und damit die Sängerin / den Sänger in den Mittelpunkt stellt. Die Begleitung, sei es Klavier oder Orchester, rückt deutlich in den Hintergrund und bildet in der Form diverser rhythmisch-melodischer Motive einen harmonischen Klangteppich. Meines Erachtens ist das Orchester mit einem überdimensionierten, aber zu größerem Farbenreichtum "degradiertes" Klavier und der Dirigent mit dem zugehörigen Pianisten vergleichbar. Der Sänger ist eigentlich der musikalische Leiter (er war es mindestens in der "vortoscaninischen Zeit") und trägt die stilistische Verantwortung für das Werk, das er singt.

bb) Die Verzierungspraxis im Bel Canto

Der Sänger entschied auch, wo, wann und wie viel er verziert. Die sogenannten willkürlichen Verzierungen - improvisiert natürlich, nicht einstudiert! - sind damit ein weiteres Merkmal der Bel-Canto-Schule. Bis etwa 1800 war das Verzieren, als Aufführungspraxis in der Musik allgemein verbreitet, nicht nur in Italien und nicht nur im Bel Canto. Ab 1800, mit dem "vorrücken" der Romantik, erblasst die Verzierungspraxis in anderen Gesangschulen und Ländern. Allein das italienische Bel Canto pflegt diese Art der Interpretation noch bis in das 20. Jahrhundert hinein. Man kann es, zwar stark reduziert, aber noch bei den Aufführungen der späteren Werke von Verdi, auch dem früheren Puccini wahrnehmen. Um gut verzieren zu können helfen dem Sänger seine Stilkenntnisse sowie seine Erfahrung.

cc) Der freie Umgang mit dem Tempo

So, wie dem Belcantisten seine musikalischen Kenntnisse halfen, stilsicher zu verzieren, so halfen ihm diese auch mit dem Tempo frei umzugehen. Dies ist das dritte Merkmal des Bel Canto. Es bedeutete in keiner Weise, dass der Belcantist völlig frei von allen Regeln der Kunst lösgelöst war, und das Tempo "hin und her" wechselte. Der erfahrene Sänger wusste, an welcher Stelle es erforderlich und für den Ausdruck der Musik von Vorteil war das Tempo anzuziehen oder zu verlangsamen. Ebenfall wusste ein Sänger in welchen Abschnitten des Stückes er vom Anfangstempo abweichen konnte oder sollte. Ganz übertrieben dargestellt heißt das, dass die Tempobezeichnung hinter dem Schlüssel nur ein "Richt-Tempo" ist. Die meisten Teile des Stückes weichen mehr oder weniger von diesem ab.

dd) Der Text im Gesang

Der Text im Gesang spielte für den Belcantisten, entgegen geläufigen Vorurteilen, eine sehr wichtige Rolle und zwar in mehrfacher Hinsicht. Erstens war und ist der Vortrag des Textes in die Melodie eingebettet - Gesang eben - was einen Sänger von einem Instrumentalisten unterscheidet. Also - der Text macht's! Der Sänger kann seine Stimme "instrumentalisieren" indem er den Text weglässt und auf einem Vokal singt, wie bei Koloraturen. Ein Instrumentalist kann dagegen keinen Text mit seinem Instrument vortragen. Zweitens war der Text für den Belcantisten immer die Basis seiner Stimmemission. Er formte die Vokale und die Konsonanten so, wie er es auch beim Sprechen tat. So war die Textverständlichkeit im Bel Canto gewährleistet, worauf auch großer Wert gelegt wurde. Drittens gibt der Inhalt des Textes die Interpretation an.

Wie im Abschnitt über das Legato bereits angedeutet bereitet der Text vielen Sängern heute große Kopfschmerzen. Das liegt daran, dass der Sänger die Konsonanten als eine Art Störelemente betrachtet, als Unterbrechung seiner "Vokalenlinie". Diese Einstellung bringt viele dazu, einige konsonantenreiche Sprachen (darunter auch Deutsch) zu meiden, was mehr oder weniger direkt zur Entfremdung vom Publikum führt. Eine Oper oder ein Lied macht nur halb so viel Spaß für das Publikum, wenn man nicht versteht worum es geht! Anstatt die Konsonanten als "Trennelemente" zu betrachten, sollte man sie als Bindeglieder zwischen den Vokalen ansehen, was sie auch sind. Um sie deutlich auszuführen, ohne das Legato zu zerstören, ganz im Gegenteil, sogar zu verstärken, muss man die Konsonanten im gleichen Maße wie die Vokale mit offener Kehle singen, so wie es schon beim Sprechen geschieht. Die Konsonanten entstehen nämlich im Mundraum, also oberhalb des Kehlkopfes und sind von ihm auch nicht abhängig. So stört die Sprache nicht - sie unterstützt und trägt den Gesang. So einfach entsteht Bel Canto.

ee) Optische Merkmale

Die optischen Merkmale des Bel Canto möchte ich als letztes erwähnen, weil sie nur eine indirekte Rolle im Bel Canto spielen. Ein Belcantist kann durchaus gut singen, unabhängig von seiner Körperposition oder seinem Gesichtsausdruck, sie können sich aber in seinem Vortrag sehr wohl wiederspiegeln. Ein Beispiel: Stellen Sie sich eine Bassisten vor, der "Vieni O Levita...Tu sul labbro" aus Nabucco singt und dabei mit drei Bällen jongliert. Sogar wenn er es schafft, die Arie durch zu singen, wird der Charakter mit Sicherheit nicht optimal dargestellt. Aber genau das passiert in der Regel, auch in abgeschwächten Form, in den Produktionen die heute auf die Bühnen kommen. In der Vergangenheit ging es auf den Bühnen eher ruhiger zu. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war eher der "Rampengesang" Praxis. Der Sänger suchte sich auf der Bühnen eine Stelle aus, von der seine Stimme am besten in den Zuschauerraum transportiert wurde (meistens an der Rampe, direkt vor dem Dirigenten) und sang von dort aus ganze Arie. Ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts kam "Bewegung in die Bude". Die Sänger fingen an, sich zu bewegen und mehr "zu spielen". Im Vergleich zur sportiven Akrobatik auf den heutigen Bühnen war das aber eher ein gemütliches Kaffeekränzchen. Ich denke, dass dieses Kaffeekränzchen der Realität viel näher war. Natürlicher eben!


3. Gibt es überhaupt noch Belcantisten?

Nach all dem stellt sich nun wohl die Frage, ob es heute überhaupt noch Belcantisten gibt?

Die Antwort meinerseits ist ein eindeutiges - JEIN! Es gibt in der Tat Sänger, die einige Merkmale des Bel Canto aufweisen. Meistens handelt es sich dabei um einige wenige Charakteristika der Bel-Canto-Schule. Trotz alldem aber schwebt ein aus der Sicht des Bel Canto großes Manko über der gesamten Musikwelt von heute: Es ist die Verschiebung der Prioritäten, die man dann positiv als Geschmacksveränderung verkaufen könnte. Während sich die Musik in der Vergangenheit um die Schönheit, Reinheit und Individualität, Einzigartigkeit, Originalität bemühte, artet die Musik der Gegenwart scheinbar in Leichtathletik aus. Der Sänger, aber auch der Musiker allgemein, strebt unbewusst nach "höher, schneller, lauter".

Eine "nette" Anekdote und gleichzeitig traurige Wahrheit ist die Frage einer Künstleragentur an einen Tenor, wie viele (hohe) "c" er an einem Abend singen könne?

Vor lauter Streben nach Höhe vergisst man gerne, dass die Höhe auch schön klingen muss. Ein "Mindblowing high C" wie es ein amerikanischer Agent aus New York City bezeichnet, nur weil es lange gehalten war, ist da eher ein Armutszeugnis. Der Sänger steht unter Dauerdruck sich beweisen zu müssen. Zeit und Ruhe zum Musizieren (also, SCHÖN ZU SINGEN!!!) hat er längst nicht mehr. Durch diese Unruhe als "Grundzustand" sind die meisten Sänger meines Erachtens heute Bel-Canto-unfähig. Da die Ruhe fehlt werden die langsamen Stücke gerne etwas schneller vorgetragen und da die Stimmgeläufigkeit meistens ebenfalls fehlt, werden die schnellen Stücke verlangsamt. Die Tempovielfalt der Musik wird "plattgebügelt". Gleichzeitig wird durch den inneren Druck der Grundlautstärkepegel angehoben und damit die Dynamikpalette schmaler. Sie bleibt im oberen Drittel der Stimme - mf und lauter. Dies hat zur Folge, dass sich der Charakter der Gesangstimme und der Musik insgesamt verändert. Der Bel Canto als Gesangstil ist nicht mehr vorhanden. Im Detail sieht es dann so aus: Das am seltensten anzutreffende Merkmal des Bel Canto ist der Klang von "Si-canta-come-si-parla" - sprich: am seltensten hört man auf den Bühnen eine "einfach" und schön klingende Stimme. Aus irgend einem mir unerklärbaren Grunde verspüren die Sängerinnen und Sänger scheinbar einen unstillbaren Drang ihre Stimmen zu verstellen. Die meisten Stimmen werden ziemlich einfallslos nur abgedunkelt. Dies passiert am häufigsten bei den tieferen und insbesondere den dramatischeren Stimmen. Einige wenige Sänger "gurgeln" (tiefere Stimmen) oder "knödeln" (höhere Stimmen). Am "einfallsreichsten" sind die Sänger, die ihre Stimmen jeglicher Natürlichkeit berauben. Dieses "Verfahren" ist nicht stimmgattungsabhängig. Ich habe schon solche Soprane, Mezzi, Alti, Tenöre, Baritone aber auch Bässe gehört.

Ein außerordentlich gutes Beispiel für eine Bel-Canto-Stimmemission der Gegenwart ist der kürzlich verstorbene Luciano Pavarotti. Unter der Sängerprominenz war er meines Erachtens der einzige, der mit seiner Tonerzeugung (und ausschließlich damit) in der ganzen dynamischen Palette als Belcantist hätte gut bestehen können. Es gibt aber auch Sänger die nur in einer bestimmten Lautstärke eine gute Tonemission entwickeln. Das bekannteste Beispiel ist für mich mit Sicherheit Monserrat Caballé. Ihre Piani sind das, was sich die Belcantisten sicherlich gewünscht hatten. Schade ist, dass sie keinen Weg zu einem ebenbürtigen Forte gefunden hat.

Legato als zweites Merkmal ist schon etwas häufiger anzutreffen. Es gibt einige Sänger der Gegenwart, die das Legato recht gut beherrschen. Interessanterweise ist es aber äußerst selten mit einem guten Stimmsitz gepaart. Ich habe sogar schon Sänger mit einer schrecklichen, fast krankhaften Stimmemission gehört, die jedoch ein gutes Legato hatten. Ich wunderte mich selber darüber! Ein interessantes und nennenswertes Phänomen ist, dass die Sänger aus den romanischen Ländern tendenziell ein besseres Gespür für ein gutes Legato zu haben scheinen, als die aus den angelsächsischen Ländern kommenden. Ich schätze, es ist muttersprachlich bedingt.

Ähnlich, wie mit dem Legato ist es mit der Stimmgeläufigkeit. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts bis in seine 70-er Jahre hinein füllten hauptsächlich die dramatischen, spätromantische Opern das Repertoire der Opernhäuser. Bis auf einige Werke Mozarts, Donizettis und Rossinis brauchte man vorwiegend die schwereren (heutzutage mit "unbeweglich" ersetzt) dramatischen Stimmen. Nach diesen Jahrzehnten, in denen man die Stimmgeläufigkeit und die Werke, die sie fordern, fast vergessen hat, erfreut sich diese Art der Gesangskunst in den letzten 15 bis 20 Jahren einer neuen Beliebtheit. Mit steigender Freude an der "Musikarchäologie" entdeckt man die Notwendigkeit an Stimmvirtuosität zurück. Seit dem bemühen sich immer mehr Sänger, ihre Stimmen auch in diese Richtung zu schulen, und zwar nicht nur die höheren, sondern auch die tieferen Stimmen, Altistinnen und Bassisten.

Ohne die Kenntnisse der Bel-Canto-Schule ist die Koloraturtechnik aber eher dem Zufall überlassen. So komm es vor, dass einige Sänger hervorragende Ergebnisse auf dem Gebiet der Stimmgeläufigkeit erzielen, trotz allgemein mäßigem Stimmsitz und mäßiger Technik. Wie schon erwähnt gibt es Sänger, die in den Koloraturpassagen zum richtigen / gesunden Stimmsitz finden, den sie aber in den "Nichtkoloraturpassagen" auch gleich wieder verlassen. Das bekannteste Beispiel ist aus meiner Sicht die "Koloraturdiva" Marilyn Horne. Während ihre Stimme im allgemeinen einen sehr unschönen kehligen Ton zu Tage brachte, fand sie in den Koloraturen zu einem erstaunlich natürlichen Klang. Ähnlich, wenn auch nicht so extrem, ist es auch bei Cecilia Bartoli.

Es gibt aber auch Sänger die trotz des unnatürlichen und unschönen Tons eine erstaunliche Beweglichkeit vorweisen können. Gute Beispiele für dieses Phänomen sind etwa Ewa Podles, Jennifer Larmore und Veselina Kasarova. Und als dritte Gruppe gibt es für mich die Sänger mit eine "Pseudobeweglichkeit". Sie singen mit Vorliebe die Bel-Canto-Literatur, um ihren "Bel-Canto-Gesangstil" zu unterstreichen. Sie wissen, dass das Publikum mehr dem Ruf als seinen eigenen Ohren traut, und so bekommen diese Sängerinnen und Sänger den unberechtigten Ruf eines Belcantisten. Diese versuchen auch immer wieder die Stimmgeläufigkeit vorzutäuschen, und bei jedem Versuch scheitern sie! Hierbei handelt sich meistens um die tieferen Männerstimmen - Bariton und Bass. Die Liste der Namen wäre schier endlos! Eines der wenigen positiven Beispiele für eine geläufigen tiefere Männerstimme ist der (zu Unrecht) nicht so sehr bekannter Alessandro Corbelli. So klingt eine bewegliche Männerstimme!

Mit den musikalisch-stilistischen Merkmalen des Bel Canto ist die Situation noch extremer. Das erste und gleichzeitig größte Problem ist die Stellung des Gesangs und des Sängers in der Musikszene der Gegenwart. Heutzutage ist der Sänger nur ein textvermittelndes Instrument. Einige Sänger werden als Person zu Stars erhoben, im musikalischen Mittelpunkt stehen sie trotzdem nicht. Im zeitgenössischen Aufführungsensemble steht leider der Dirigenten im Mittelpunkt. Besser gesagt, die Dirigenten haben sich selbst in den Mittelpunkt gedrängt. Auf der einen Seite weiß der Sänger nicht mehr, wie er die musikalische Verantwortung auf sich nehmen soll und der Dirigent weiß nicht, wie er die Verantwortung dem Solisten - in Fall des Bel Canto, dem Sänger - überlassen soll. Er weiß nicht mehr, wie man begleitet! Ich habe ein extremes Negativbeispiel bei einer konzertanten Vorstellung von Händels "Giulio Cesare" mit dem Dirigenten Marc Minkowski erlebt. Herr Minkowski hat die GANZE Oper durchdirigiert, inklusive jedes einzelnen Tones von Kadenzen der Sängerinnen und Sänger und jedes einzelnen Tones von Trillern (nämlich mit Zeige- und Mittelfinger der linken Hand). Es war peinlich und traurig zugleich!

Die beste Bestätigung hierfür ist die Tatsache, dass bei einer Probe, bei der ein Sänger mitwirkt, ausnahmslos alle zuerst den Sänger korrigieren! Bei einer Probe "Sänger-Klavier" korrigiert IMMER der Pianist den Sänger - und zwar unaufgefordert. Bei einer Probe "Sänger-Orchester" korrigiert der Dirigent den Sänger, ebenfalls unaufgefordert! Man geht selbstverständlich davon aus, dass der Sänger falsch liegt, wenn das Ensemble ein Problem hat. Der Sänger wird heutzutage wie eine Art "willenlose Rohmasse" behandelt. Er hat seine musikalisch-stilistische Kenntnisse nicht eigenständig anzuwenden. Er ist nur dazu da, die Vorstellungen des Dirigenten auszuführen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, versuchen Sie doch einmal, den Spieß herumzudrehen. Machen Sie sich stark für das, was Sie machen! DAS wäre ein richtiger Schritt in Richtung des Bel Canto.

Das vorgenannte Problem (der Dirigent) ist auch der direkte Verursacher des heutigen Umgangs mit dem Tempo. Weil der Dirigent, und mit ihm das Orchester, den Sänger nicht begleitet, ist der Sänger gezwungen die Begleitung zu begleiten... Und Dirigenten wissen, wie man sich das Leben leicht macht: Man nehme sich EIN Tempo vor und ziehe es bis zum Ende des Stückes durch! Der Metronom als Bestandteil des Orchesters! Bei einigen Stücken ist es ja auch in Ordnung, sogar vom Komponisten gewollt. Der Löwenanteil der Vokal- und Instrumentalliteratur strebt aber nach anderem.

Ich würde sehr gerne ein positives Beispiel für die Tempohandhabung aus der Gegenwart nennen, doch ich kann es nicht! Man hört von Zeit zu Zeit einen winzigen Ansatz guten Willens, es bleibt jedoch dabei. Damit es aber nicht ohne ein Beispiel bliebt, erwähne ich die Aufnahme der Arie "Voi che sapete" mit Adelina Patti aus dem Jahre 1905. Diese Aufnahme ist auch ein gutes Beispiel für die Verzierungspraxis. Mozart verzieren! Was um 1900 normal war, war ein dreiviertel Jahrhundert aus der Musik verbannt. Heute kehrt die Kunst des Verzierens zum Glück in die Musikpraxis zurück. Dies ist sicherlich der Strömung der sogenannten "historischen Aufführungspraxis" zu verdanken. Sie hat bewirkt, dass die Verzierungen als Improvisationskunst aus dem "Barock-Reservat" in die freie Musiknatur, da wo sie hingehören, entlassen wird. Es gibt eine lange Reihe an Sängerprominenz die sich offensichtlich beim Verzieren sehr wohlfühlt. Joan Sutherland, Merily Horne, Cecilia Bartoli, William Matteuzzi, Alessandro Corbelli, um nur einige wenige zu nennen.

Mit einer deutlichen Diktion fühlen sich hingegen viel weniger Sänger wohl. Warum? Ich kann es nicht nachvollziehen. Mögen sie den Text nicht, den sie singen? Sind sie mit der Sprache nicht einverstanden? Erscheint ihnen der Text unwichtig? Ein Belcantist würde den Text nie vernachlässigen! Die "Textlosigkeit" kulminiert meiner Meinung nach in den TV-Mitschnitten der Wagner-Opern, in denen trotz des in deutscher Sprache gesungenen Werkes dem Zuschauer eine deutschsprachiger Untertitel angeboten wird, damit dieser dem Text folgen kann. Wie peinlich!

Die bekannteste "textlose" Sängerin ist ausgerechnet die, die als "Musterbelcantistin" präsentiert wurde und zu einem Star seiner Zeit avancierte - Joan Sutherland. Paradoxerweise wird ihre undeutliche Diktion ausgerechnet mit dem Bel Canto entschuldigt! Man sagt nämlich, dass ihr Legato sie an einer klaren Diktion hindert! Gleichzeitig nenn man Luciano Pavarotti, auch einen Belcantisten den man für sein Legato lobte, dessen gesungener Text aber zum Mitschreiben verständlich war! Bei Sutherland bin ich da anderer Meinung. Sutherlands undeutliche Aussprache liegt nicht an ihrem Legato, sondern an ihrer Stimmemission. Die recht stark abgedunkelte Stimme ist nicht besonders natürlich und damit auch nicht "textfreundlich" und alles andere als belcantistisch.

Hiermit schließt sich für mich der Kreis. Belcantisten im ursprünglichen Sinne gibt es heute nicht! Es gibt Sänger, die sich einiger Mitteln des Bel Canto bedienen, und es gibt Sänger, die die Bel-Canto-Literatur singen. Belcantisten sind sie aber trotzdem nicht.

Besteht die Möglichkeit den Bel Canto wieder zu erwecken?

Meine Antwort auf diese Frage ist ganz klar: NEIN! Die Umstände unserer Zeit und damit der Geschmack haben sich zu stark geändert. Der Zug des Bel Canto ist wohl abgefahren! Man kann noch so häufig und noch so viele Sänger als Belcantisten betiteln - eine häufig wiederholte Lüge wird aber nicht zur Wahrheit. Aber der Name "Bel Canto" sells! So wie "Natur", "Bio" oder "Wellness"

Was gefällt bleibt damit eine Entscheidung des Zuhörers!



herzlichst Ihr
Miklós Klajn


© Miklós Klajn, 01.2008