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La Callas
Es hätte so ein schöner Abend werden können...
Vor etwa drei Monaten saßen wir zu fünft in einer leicht versiften Kaschemme, aßen mäßig schlechtes Essen und redeten über Belanglosigkeiten. Es drohte ein angenehmer, wenn auch bedeutungsloser Abend zu werden. Mit einem Mal zog ein kleines Wölkchen am Himmel auf: Ein mir kaum bekannter Teilnehmer der Runde leitete mit zwei Sätzen vorbereitend zu DER Frage des Abends über: Ob auch ich der Meinung wäre, dass Maria Callas DIE bedeutsamste Verdi-Sängerin der Nachkriegszeit sei?
Ich dachte kurz nach und antwortete der Wahrheit entsprechend, dass ich nicht dieser Meinung bin! Ich wollte gerade noch zu einer Erläuterung ausholen, doch ich wurde durch die vehemente Reaktion des Fragestellers daran gehindert. Ich zuckte ein bißchen zusammen und wartete was kommt. Der Fragesteller machte mir deutlich, warum er dieser Meinung ist und warum ich mich im Unrecht befände und... na ja... Er bombardierte mich immer wieder mit Fragen, Fragen, Fragen, ließ mich aber nicht einmal ein Wort aussprechen, um zu antworten. Dabei wurde er immer lauter und aggressiver. Es musste schon einige Zeit vergehen, bis ich endlich verstanden habe, wen ich vor mir hatte: EINEN CALLAS-VEREHRER!
Meiner Erfahrung nach kann man den Fanatismus eines Callas-Verehrers bildlich nur mit dem eines PLO-Mitgliedes oder eines Wagnerianers messen! Ich kann es meinem Bauchgefühl bis heute nicht verzeihen, dass es mich in der Situation im Stich gelassen hatte. Ich lief ins offene Messer! Es hätte mir auch gleich klar sein müssen: Ein schwuler Grieche hört klassische Musik - Oper! Er musste ein "Callasianer" sein.
Und wer meint, dass die Sache mit dem Abend gegessen war, der irrt! Ich habe zwar den Callasianer seit dem nicht mehr gesehen oder gehört, aber ich werde von einem gemeinsamen Freund in regelmäßigen Abständen daran erinnert. Der Callasianer regt sich noch immer und immer wieder mit Wonne über die Ereignisse des besagten Abends auf. Dabei stört es ihn offensichtlich weniger, dass ich nicht auch ein Callas-Fan bin, sondern vielmehr, dass ich ihn auslaufen ließ! Nachdem er sein Fragegewitter losgelassen hatte, hatte ich nicht mehr mit ihm diskutiert, sondern ihn nur noch reden lassen, bis er von alleine aufhörte. Das fiel etwa mit dem Zeitpunkt meiner Erkenntnis zusammen, als ich bemerkte worum es eigentlich ging.
Der gemeinsame Freund, selbst ein Callas-Fan - wenn auch bislang nicht fanatisch in Erscheinung getreten - fragte mich danach einmal, warum ich Callas eigentlich nicht mag:
Als erstes muss ich sagen, dass es gar nicht so ist, dass ich sie nicht mag. Vielmehr bin ich kein ausdrücklicher Callas-Anhänger in dem Sinne. Als zweites bin von Natur aus jemand, der versucht, die Sachen von vielen Seiten, positiven wie negativen zu betrachten. Ich bin jemand, der mitten in einem Zaubertrick das Licht anmacht, um den Prozess besser sehen und verstehen zu können, was den Anderen leider fast immer die Illusion raubt. Doch um auf "La Callas" zurück zu kehren:
Der Mythos "Callas" lebt von der Dunkelheit!
Doch lassen Sie mich von vorne beginnen. Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit Stimme und Gesang der Callas. Es ist bereits über 20 Jahren her. Zu der Zeit hatte ich noch nicht gesungen und wusste von Musik auch nicht allzu viel. Ich verließ mich auf meine Intuition. Damals kaufte ich mir eine Schallplatte von Verdis "Rigoletto" - eine Aufnahme mit Tito Gobbi, Giuseppe di Stefano und Maria Callas unter Leitung von Tulio Serafin. Ich hatte damals zwar keine andere Aufnahme gekannt, aber die, die ich da vor mir hatte, gefiel mir nicht! Irgendwie klangen die Sängerinnen und Sänger nicht so, dass ich sie lieb gewinnen konnte. Auch die Callas nicht, deren Namen ich damals als einzigen kannte. Mit der Zeit hatte ich immer häufiger die Gelegenheiten gehabt die Stimme der Callas zu hören, aber für sich gewinnen konnte sie mich nicht. Erst später als ich die Stimme als ein Organ und Gesang als einen Prozess des Musizierens besser verstehen lernte wurde mir klar, warum ich den Gesang der Maria Callas bis heute nicht mag, und was ich an ihr doch schätzten kann.
Da wäre zunächst einmal ihre Stimmfarbe. Ich finde sie hässlich! Nicola Rescigno sagte dazu einmal: "Essig in der Stimme". Ich habe grundsätzlich ein Problem damit, Sängerinnen und Sängern zuzuhören, deren Stimmfarbe ich nicht mag. Daran trug Maria Callas selbst keine Schuld, beeinflusst aber mich als Zuhörer bis heute. Was sie hingegen durchaus hätte beeinflussen können, war ihre Gesangstechnik. Die Technik, die sie gewählt hatte, war nicht die, die ihre Farbe hätte kaschieren oder sogar veredeln können. Ganz im Gegenteil. Sie sang mit einer Technik und einem Ausdruck, die ihre unvorteilhafte Farbe unterstrichen. Dazu gehörte auch eine Art des "dramatischen Tones" der zu ihrem "Markenzeichen" geworden ist - der Klang der "Socke-im-Mund". Daran erkennt man sie noch heute, nach nur zwei Tönen! Das es sich dabei um ein stimmtechnisches Manko handelt, ist den meisten nicht bekannt. Meiner Meinung nach hat die Pflege dieses Markenzeichens, also ihres bestimmten Klangideals, sie daran gehindert ihre Stimme ausreichend modulieren bzw. färben zu können, oder besser gesagt - zu wollen. Hinzu kommt die mit den Jahren immer stärker werdende "Quintenschleuder" in der Höhe. Diese wird, wie auch bei anderen Sängern, durch eine feste und verkrampfte Kehle verursacht, was wiederum nur daher rührte ein Klangideal aufrecht zu erhalten. Welchen Stimmklang sie eigentlich hätte haben könnte, wenn sie nicht dem "dramatischen Klang" gefolgt wäre, kann ich nicht sagen. So ist sie aber durch ihre "vier Stimmen" berühmt geworden: lyrischer, dramatischer und Koloratur-, sowie Mezzosopran.
Musikalisch hat sich La Callas ganz und gar ihrem Temperament unterworfen. Ihre Aufnahmen hörend kann ich mich kaum des Eindrucks erwehren, dass es ihr musikalisch weniger um den Willen des Komponisten, als um ihre Selbstdarstellung ging. Aber es ist auch nur mein persönlicher Eindruck und der beeinflusst mich.
Zu den positiven Eigenschaften der Gesangskunst von Maria Callas zähle ich in erster Linie die Tatsache, dass sie in der Nachkriegszeit dazu beigetragen hat Interesse für Oper bei denen zu wecken, die sich sonst nicht dafür interessierten. So wie dies später auch Carreras, Domingo, Pavarotti und selbst in kleinem Maße ein Paul Potts getan haben, obwohl der letztere als Produkt der Werbeindustrie künstlerisch eindeutig mit den Vorigen nicht mithalten kann.
Zu den großen Verdiensten der Callas zählen meiner Meinung nach auch ihre "archäologische Arbeiten". Sie holte einige tot geglaubte Opern wie Spontinis "La Vestale", Cherubinis "Medea", Rossinis "Armida" und "Il turco in Italia" und noch einige andere aus der Komastarre. Außerdem möchte ich noch die wunderbare Aufnahme von Verdis "Macbeth" mit Callas und Mascherini erwähnen - nicht nur wegen Callas. Ich habe bislang noch keine bessere Aufführung des Werkes, weder live auf der Bühne, noch aus der "Dose" erlebt. Diese empfehle ich mit Freude und Überzeugung immer wieder.
Ah ja, da wäre da noch etwas. Als Sänger sollte mich das alles kaum interessieren, aber angesichts des Themas ist es einfach nicht zu vermeiden: Das Privatleben der Maria Callas - ihre seelischen Zustände, ihre menschliche Labilität und ihre unglücklichen Liebschaften. Man verstand es damals, wie auch heute, sehr gut, dies medial auszuschlachten. Jedoch mit einem Unterschied: Damals stand "poor Maria" (Originalton von Renata Tebaldi) recht alleine mit solchen Eigenschaften im Lichte der Öffentlichkeit dar. Heute, in einer Zeit, in der wir alle ein Bisschen neurotisch, exzentrisch und labil sind, müssen sich Operndiven "normal und bodenständig" geben damit sie auffallen! Der Mythos "Callas" hätte vermutlich ohne ihr Privatleben nur noch halb soviel zu bieten - siehe: Renata Tebaldi, Joan Sutherland, Zinka Milanov... Man könnte es auch so formulieren: Eine leidenschaftliche und in ihrem Privatleben recht vereinsamte und unglückliche Frau widmete sich auf der Bühne ganz und gar ihrem Gesang und der Kunst. Wenn das nicht der Stoff ist, aus dem die Mythen sind! Da steht der akustische Teil des Gesangs erst an zweiter Stelle.
Heutzutage gibt es, so glaube ich, nur noch ganz wenige Menschen, die Maria Callas live gehört und erlebt haben. Alle anderen kennen sie nur von Audio- und Video-Aufnahmen. Meine Eindrücke entstehen auch nur anhand dieser Aufzeichnungen. Normalerweise greife ich in meinem CD-Regal oder in dem des CD-Handels nur dann nach einer Callas-Aufnahme, wenn ich nicht wählen kann. Darin unterscheide ich mich von einem Callas-Fan. Ein Callas-Fan zu sein heißt zu GLAUBEN, nicht zu hinterfragen, nicht zu analysieren - einfach nur zu glauben. So bin ich nicht. Der rationale Teil von mir weiß, dass sie ein wertvoller Künstler war, aber der Genießer in mir meidet sie.
herzlichst Ihr
Miklós Klajn
© Miklós Klajn, 02.2009
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